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Eine überfällige Entscheidung

Deutscher Botschafter in Polen

Deutscher Botschafter in Polen, © Ambasada Niemiec

03.11.2020 - Artikel

Als ich mich auf meine Aufgabe in Polen vorbereitete, fiel mir im Juni ein Artikel  des Journalisten Konrad Schuller in die Hand. Unter der Überschrift „Polen, das unbekannte Land“ argumentiert er, dass „viele Deutsche die schlimme Geschichte unserer Nachbarn kaum kennen“ und dass man in Polen dies „den Deutschen übel nimmt.“

Es ist tatsächlich so, dass viele Deutsche erschreckend wenig wissen über die furchtbaren Verbrechen, die Deutsche Polen zwischen 1939 und 1945 angetan haben. Zwei Beispiele:

Fast jeder Deutsche kennt die Namen Oradour und Lidice. Namen von Dörfern in Frankreich und der Tschechoslowakei, deren Bevölkerung samt Greisen und Kindern von der SS ausgelöscht und die dem Erdboden gleich gemacht wurden. Aber wie kann es sein, dass kaum ein Deutscher die Namen der über 700 (!) Ortschaften in Polen kennt, die so zu Grund gerichtet wurden?

Auch der Name Heinz Reinefarth ist längst nicht allen Deutschen bekannt. Der „Schlächter von Wola“, verantwortlich für den Tod von Zigtausend Zivilisten während des Warschauer Aufstandes, wurde 1951 zum Bürgermeister auf Sylt gewählt und praktizierte als Anwalt bis zu seinem Tod 1979. Niemals wurde ihm ein Prozess gemacht.

Die deutsche  Geschichtsvergessenheit gegenüber unserem neben Frankreich wichtigsten europäischen Partner ist unerträglich und beschämend. Ich habe mir daher einen sensiblen Umgang mit der Geschichte zur Mission gemacht, und gleich zu Beginn meiner Amtszeit Überlebende getroffen, Museen und Gedenkstätten besucht. Und ich setze mich für einen umfassenden, ehrlichen und differenzierten Dialog über Geschichte ein, in der Hoffnung, dass dieser helfen kann, Vorurteile abzubauen und das Wissen auf deutscher Seite zu mehren.

Ein wichtiger Schritt ist, dass der Deutsche Bundestag beschlossen hat, in Berlin einen Ort zu schaffen, der dem  Gedenken an die polnischen Opfern des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Besatzung Polens gewidmet ist. Dass die Entscheidung  von vier Fraktionen gemeinsam eingebracht wurde - CDU/CSU, SPD, Grünen und FDP -  ist ein sehr starkes Symbol. Der Beschluss betont das besondere Leid Polens unter der deutsche NS-Herrschaft, der Rassenideologie und des Vernichtungskrieg gegen Polens Staatlichkeit und Kultur. Dieser Beschluss war, so Außenminister Heiko Maas, „lange überfällig“. Er ist das gute Ergebnis einer ursprünglich von Wladislaw Bartoszewski angeregten langjährigen lebhaften Debatte.

Warum hat diese Entscheidung Jahre gebraucht, obwohl wir uns einig waren, dass die defizitäre deutsche Gedenkkultur gegenüber Polen überwunden werden muss? Die Geister schieden sich an der Frage „Polen-Denkmal“ oder Gedenken „an alle“ Opfer. Das Ergebnis ist ein guter Kompromiss. Es soll ein Dokumentationszentrum mit Gedenkfunktion für die NS-Besatzungspolitik in Europa geben und – hiervon getrennt - einen Gedenkort für Polen, der die Geste der Verneigung vor den Opfern ermöglicht und mit historischer Bildung und deutsch-polnischer Begegnung verknüpft.

Der nächste Schritt ist nun die Erarbeitung einer Konzeption für den Erinnerungs- und Begegnungsort. Es ist gut, dass dies in Zusammenarbeit auch mit polnischen Expertinnen und Experten geschehen soll. Ich hoffe, dass das Ergebnis die Menschen auch emotional erreicht und auf die Geschichte neugierig macht. Wir Deutsche stehen gegenüber Polen in der Verantwortung.

(Namensartikel des Deutschen Botschafters in Polen Arndt Freytag von Loringhoven. Erschienen auf wyborcza.pl.)

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