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Rede des Bundespräsidenten in Warschau

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Gedenkfeier der Republik Polen zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs am 1. September 2019 in Warschau

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Gedenkfeier der Republik Polen zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs am 1. September 2019 in Warschau, © dpa

01.09.2019 - Artikel

Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bei der Gedenkfeier der Republik Polen zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs am 1. September 2019 in Warschau.

- es gilt das gesprochene Wort -

Es gibt keinen anderen Platz in Europa, auf dem es mir so schwer fällt, meine Stimme zu erheben. In meiner deutschen Muttersprache das Wort an Sie alle zu richten.

Verehrter Staatspräsident Duda, ich stehe hier in Demut und in Dankbarkeit. Sie haben mich eingeladen, mit Ihnen, mit Ihren Landsleuten zu gedenken.

Heute vor achtzig Jahren überfiel mein Land, Deutschland, sein Nachbarland Polen – Ihr Heimatland. Meine Landsleute entfesselten einen grausamen Krieg, der mehr als fünfzig Millionen Menschenleben kosten sollte, unter ihnen Millionen polnische Bürgerinnen und Bürger.

Dieser Krieg war ein deutsches Verbrechen.

Davon zeugt die Geschichte dieses Ortes. Vom ersten Tag des Krieges an nahmen die Deutschen Warschau unter Beschuss. Jahrelang wüteten sie in dieser Stadt. Sie machten ganze Stadtviertel dem Erdboden gleich. Sie deportieren ihre Bewohner. Sie ermordeten Männer, Frauen und Kinder. Polen, seine Kultur, seine Städte, seine Menschen – alles Lebendige sollte vernichtet werden.

Der Terror begann in Wieluń – ein Ort, von dessen Schicksal bis heute viel zu wenige in meinem Land wissen. Heute Morgen haben wir, verehrter Präsident Duda, dort gemeinsam der ersten Opfer des deutschen Überfalls gedacht.

Oft bemühen wir den Begriff „unermesslich“, wenn wir diesen Krieg beschreiben. Wir sprechen vom unermesslichen Leid, das Deutschland über Europa gebracht hat. Ermessen können wir das Leiden tatsächlich nicht. Aber „unermesslich“ bedeutet nicht, dass wir von dem Bemühen befreit sind, das Leiden der Opfer mitzufühlen.

Nein, die Vergangenheit ist nicht abgeschlossen. Im Gegenteil: Je länger dieser Krieg zurückliegt, desto wichtiger wird das Erinnern. Ein Krieg ist beendet, wenn die Waffen schweigen. Seine Folgen aber sind ein Erbe für Generationen.

Dieses Erbe ist ein schmerzhaftes Erbe. Wir Deutsche nehmen es an, und wir tragen es weiter.

Als deutscher Bundespräsident gemeinsam mit der deutschen Bundeskanzlerin sagen wir heute allen Polinnen und Polen: Wir werden nicht vergessen. Wir vergessen die Wunden nicht, die Deutsche Polen zugefügt haben. Wir vergessen das Leiden der polnischen Familien ebenso wenig wie ihren Mut zum Widerstand. Wir werden niemals vergessen. Nigdy nie zapomnimy!

Vor über eintausend Jahren kam der erste deutsche Gast nach Polen. Jener Gast mit Namen Otto, er trat barfuß in dieses Land als einfacher Pilger im Zeichen von Frieden und Demut.

Ebenso stehe ich heute barfuß vor dem polnischen Volk, als Mensch, als Deutscher, beladen mit großer historischer Last.

Nichts kann die Vergangenheit ungeschehen machen. Worte können den Schmerz nicht heilen. Taten können das Verlorene nicht zurückbringen.

Ich stehe barfuß vor Ihnen – doch ich bin beseelt vom Geist der Versöhnung, den Polen uns geschenkt hat!

Dort steht das Kreuz, dort rief der polnische Papst am Pfingstfest vor 40 Jahren in die Menge: „Sende aus deinen Geist und erneuere das Angesicht der Erde! Dieser Erde!“

Diese Erde, diesen Kontinent hat Polen erneuert.

Es ist Polens Geist – es ist Euer Geist der Befreiung, der den Eisernen Vorhang zerrissen hat. Es ist Euer Geist der Versöhnung, der uns Deutschen den Neubeginn geschenkt hat. Es ist Euer Geist der Erneuerung, in dem wir gemeinsam in ein neues, ein friedliches Europa gelangt sind. Dieser Geist, er soll auch heute von diesem Platz in die Welt hinauswehen!

Schaut auf das Grabmal des Unbekannten Soldaten! Schaut auf den Heldenmut und die unbezwingbare Freiheitsliebe der polnischen Nation – sie stehen als leuchtendes Beispiel für die vielen stolzen Nationen Europas, die heute hier versammelt sind.

Schaut auf die Staatsgäste aus vierzig Ländern! Sie alle, deren Vorfahren in jenem Krieg gekämpft und gelitten haben, sie zeigen heute miteinander, dass der Wille zu einer gemeinsamen Zukunft stärker ist als die trennende Kluft der Vergangenheit.

Und schaut auch auf dies: Dass auf diesem Platz, an diesem Tag ein deutscher Präsident vor Ihnen stehen und sprechen darf – das zeigt das lebendige Wunder der Versöhnung.

Die Versöhnung ist eine Gnade, die wir Deutsche nicht verlangen konnten, aber der wir gerecht werden wollen. Daran, an unserer Verantwortung, sollt Ihr uns messen.

Unsere Verantwortung – sie gilt Europa!

Das vereinte Europa ist die rettende Idee. Es ist die Lehre aus Jahrhunderten von Krieg und Verwüstung, von Feindschaft und Hass.

Ja, dieses Europa hat das Schlechteste des Menschen gesehen und dennoch, von Neuem, auf sein Bestes gesetzt.

Das vereinte Europa setzt auf die Kraft von Humanismus und Aufklärung, auf Freiheit und Recht, auf den Reichtum seiner Sprachen und Kulturen. Dieses Europa ist und bleibt ein Projekt der Hoffnung.

Ich weiß wohl, mein Land trägt für dieses Europa eine besondere Verantwortung. Weil Deutschland – trotz seiner Geschichte – zu neuer Stärke in Europa wachsen durfte, deshalb müssen wir Deutsche mehr tun für Europa. Wir müssen mehr beitragen für die Sicherheit Europas. Wir müssen mehr einbringen für den Wohlstand Europas. Wir müssen mehr zuhören für den Zusammenhalt Europas.

Diese Verantwortung wollen wir Deutsche annehmen. Wir wollen dies mit Demut tun. Vor dem Spiegel unserer Geschichte haben wir Deutsche allen Grund, die glücklichsten Europäer zu sein. Aber wir haben keinerlei Grund, uns für die besseren Europäer zu halten.

Unsere Verantwortung, sie gilt auch der transatlantischen Partnerschaft. Wir alle blicken an diesem Jahrestag mit Dankbarkeit auf Amerika. Die Macht seiner Armeen hat – gemeinsam mit den Verbündeten im Westen und im Osten – den Nationalsozialismus niedergerungen. Und die Macht von Amerikas Ideen und Werten, seine Weitsicht, seine Großzügigkeit haben diesem Kontinent eine andere, eine bessere Zukunft eröffnet.

Herr Vizepräsident, das ist die Größe Amerikas, die wir Europäer bewundern und der wir verbunden sind. Dieses Amerika hat der Welt die Augen geöffnet für die unbändige Kraft der Freiheit und der Demokratie – gerade auch uns Deutschen. Diesem Amerika war das vereinte Europa immer ein Anliegen. Dieses Amerika wollte echte Partnerschaft und Freundschaft in gegenseitigem Respekt.

Vieles davon scheint heute nicht mehr selbstverständlich. Deshalb: Lasst uns nicht vergessen, was uns stark gemacht hat – diesseits und jenseits des Atlantiks! Lasst uns das Gemeinsame bewahren in dieser Welt voller Veränderung und schwindender Gewissheiten!

Wir wissen wohl: Europa muss stärker und selbstbewusster werden. Aber wir wissen auch: Europa soll nicht stark sein ohne Amerika – oder gar gegen Amerika. Sondern Europa braucht Partner. Und ich bin sicher, auch Amerika braucht Partner in dieser Welt. Also lasst uns diese Partnerschaft pflegen! Lasst uns den Anspruch bewahren, dass der Westen mehr ist als eine Himmelsrichtung!

Unsere Verantwortung, sie bedeutet für uns Deutsche auch dies: Nie wieder Nationalismus!

Nie wieder dürfen Deutsche rufen: „Deutschland, Deutschland über alles!“ Nie wieder sollen Nationen sich über andere Nationen erheben – Menschen über andere Menschen, Rassen über andere Rassen. Nie wieder soll die Vernunft verloren gehen. Nie wieder sollen Hass und Selbstsucht entfesselt werden im Zusammenleben der Völker.

Unsere Väter und Mütter haben aus der Geschichte gelernt. Über den Gräbern der Toten haben sie einander die Hand zur Versöhnung gereicht. Gemeinsam haben sie einen neuen Weg in die Zukunft gefunden – den Weg der guten Nachbarschaft, den Weg der Zusammenarbeit, mit Regeln für den Frieden, mit verbrieften Rechten für alle Menschen. Liebe Partner, liebe Freunde, den Geist der Versöhnung wollen wir bewahren! Den Weg der Gemeinsamkeit müssen wir weitergehen!

Als deutscher Gast trete ich barfuß vor Sie auf diesen Platz. Ich blicke in Dankbarkeit auf den Freiheitskampf des polnischen Volkes. Ich verneige mich in Trauer vor dem Leid der Opfer.

Ich bitte um Vergebung für Deutschlands historische Schuld. Ich bekenne mich zu unserer bleibenden Verantwortung.

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