Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

Rede des Bundespräsidenten in Wieluń 

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Gedenkfeier zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges in der Stadt Wieluń (Polen) am 1. September 2019

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Gedenkfeier zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges in der Stadt Wieluń (Polen) am 1. September 2019, © dpa

01.09.2019 - Artikel

Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bei der Gedenkfeier zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges in der Stadt Wieluń am 1. September 2019.

- es gilt das gesprochene Wort -

In dieser Stunde vor 80 Jahren brach das Inferno über Wieluń herein, entfacht von deutschem Rassenwahn und Vernichtungswillen.

Ich danke Ihnen, den Bürgerinnen und Bürgern von Wieluń, dass ich an diesem Tag der Erinnerung und des Gedenkens unter Ihnen sein darf. Und ich danke Ihnen, Herr Staatspräsident, lieber Andrzej Duda, dass Sie mich eingeladen haben.

Wer die Geschichten gehört hat; wer die Bilder kennt; wer die Verwüstungen, das Elend und den Tod gesehen hat, die der deutsche Angriff auf Wieluń heute vor 80 Jahren hinterließ; wer weiß, dass hier die Spur der Gewalt und Vernichtung ihren Anfang nahm, die sich sechs Jahre lang durch Polen und ganz Europa ziehen sollte – der versteht, dass es ganz und gar nicht selbstverständlich ist, dass ein deutscher Bundespräsident heute hier vor Ihnen stehen darf.

Ich stehe vor Ihnen, den Überlebenden, den Nachfahren der Opfer, den Alten und den Jungen, den Bürgerinnen und Bürgern von Wieluń, in Dankbarkeit und in Demut.

Wieluń war ein Fanal, ein Terrorangriff der deutschen Luftwaffe und ein Vorzeichen für alles, was in den kommenden sechs Jahren folgen sollte.

Wir nennen es Krieg, weil wir um einen Begriff verlegen sind für das Grauen dieser Jahre. Wir nennen es Krieg – diesen wütenden, entfesselten Vernichtungswillen, der mehr auslöschen sollte als nur diese Stadt, ihre Bewohner und ihre Geschichte. Er sollte die polnische, die europäische Kultur ausradieren, um Platz zu schaffen für die Wahnvorstellungen eines Verbrechers.

Der Angriff auf Wieluń hatte kein anderes Ziel als die Erprobung der Mittel, die diese Zerstörung ins Werk setzen sollten. Der Zynismus der deutschen Angreifer war grenzenlos, ihr Handeln unmenschlich, die Folgen furchtbar für die Bewohner dieser Stadt.

Und dennoch: Viel zu wenige Deutsche kennen heute diesen Ort.

Viel zu wenige wissen um diese Taten.

Es ist an der Zeit, dass Wieluń und viele andere dem Erdboden gleichgemachte Städte und Dörfer Polens ihren Platz neben anderen Erinnerungsorten deutscher Verbrechen finden, neben Guernica, Lidice und Oradour, und dass wir für diese Erinnerung auch in Deutschland und in Berlin neue und angemessene Formen finden.

Wieluń muss in unseren Köpfen und in unseren Herzen sein.

Hier in Wieluń ist die polnisch-deutsche Nachbarschaft mit einem so radikalen Vernichtungswillen, mit einer solchen Gewalt zerstört worden, dass die Erinnerung daran noch heute schmerzvoll ist.

Dem Terror folgten Zerstörung, Demütigung, Erniedrigung, Verfolgung, Folter und millionenfacher Mord an polnischen Bürgern, an polnischen und europäischen Juden.

Seien Sie gewiss: Keinen Deutschen lässt diese Spur der Barbarei unberührt. Ja, auch diejenigen nicht, die die Erinnerung zurückweisen, die vor der Schmach fliehen in Ablehnung und Aggression.

Welcher Deutsche wollte auf Wieluń schauen, auf Warschau oder Palmiry, auf Auschwitz und andere Orte der Shoah, ohne Scham zu empfinden?

Es waren Deutsche, die in Polen ein Menschheitsverbrechen verübt haben. Wer behauptet, das sei vergangen und vorbei, wer erklärt, die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten über Europa sei eine Marginalie der deutschen Geschichte, der richtet sich selbst.

Diese Vergangenheit vergeht nicht. Man hat mit ihr zu tun. „Man hat mit Deutschland zu tun […] und deutscher Schuld, wenn man als Deutscher geboren ist.“ Wer sich auf die deutsche Geschichte berufen will, der muss auch diesen Satz Thomas Manns ertragen.

Die Vergangenheit vergeht nicht. Und unsere Verantwortung vergeht nicht. Das wissen wir.

Als deutscher Bundespräsident will ich Ihnen versichern:
Wir werden nicht vergessen.
Wir wollen und wir werden uns erinnern.
Und wir nehmen die Verantwortung an, die unsere Geschichte uns aufgibt.

Ich verneige mich vor den Opfern des Überfalls auf Wieluń.

Ich verneige mich vor den polnischen Opfern der deutschen Gewaltherrschaft.
Und ich bitte um Vergebung.


Chylę czoła przed ofiarami ataku na Wieluń.

Chylę czoła przed polskimi ofiarami niemieckiej tyranii.
I proszę o przebaczenie.

Polen hat sich gegen den infamen Versuch seiner Auslöschung gestemmt. Es hat sich aus eigener Kraft erhoben, aus den Trümmern des Krieges und aus der Unfreiheit. Es ist zu einem freien Polen in einem freien Europa geworden, auch weil seine Menschen ihr Ziel nie aus den Augen verloren:

„Der Vater sagt, daß dort Europa liegt“, schreibt Czesław Miłosz.

„An hellen Tagen ist’s zum Greifen nah,

Noch rauchend von so manchem Sturm und Krieg.“

Polen hat nie aufgehört, zu diesem Europa zu gehören, von dem Miłosz erzählt. Polen war und Polen bleibt im Herzen Europas.

Deutschland wird immer dankbar dafür sein, dass es nach dem, was Deutsche den Menschen von Wieluń und Millionen Menschen auf unserem Kontinent angetan haben, wieder aufgenommen wurde in den Kreis der Europäer.

Deutschland wird immer dankbar sein für den Freiheitskampf der Polen, der den Eisernen Vorhang zerrissen und den Weg ins geeinte Europa geebnet hat.

Unrecht und erlittenes Leid können wir nicht ungeschehen machen. Wir können es auch nicht aufrechnen. Doch Polen hat Deutschland die Hand zur Versöhnung gereicht. Trotz allem.

Wir sind zutiefst dankbar für diese ausgestreckte Hand, für die Bereitschaft Polens, den Weg der Versöhnung gemeinsam zu gehen.

Der Weg der Versöhnung hat uns in ein gemeinsames, vereintes Europa geführt.

Ein Europa, erstanden aus dem Geist des Widerstands gegen Rassenwahn, Totalitarismus und Gewaltherrschaft, aus dem Geist der Freiheit, der Demokratie und des Rechts.

Ein Europa aus dem Geiste Polens. An diesen Geist wollen wir Deutsche uns halten.

Diesen Weg der Versöhnung wollen wir bewahren. Wir wollen ihn als gute Nachbarn Polens gemeinsam weitergehen.

nach oben