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Gedenkfeierlichkeiten am Denkmal für die Opfer des Massakers von Wola

Sylts Bürgermeister Nikolas Häckels hält seine Rede am Denkmal für die Opfer des Massakers von Wola

Sylts Bürgermeister Nikolas Häckels hält seine Rede am Denkmal für die Opfer des Massakers von Wola, © Ambasada Niemiec

05.08.2019 - Artikel

Rede Bürgermeisters Nikolas' Häckels anlässlich der Gedenkfeierlichkeiten

- Es gilt das gesprochene Wort -

Im Namen der Gemeinde Sylt, besonders als Bürgermeister auch von Westerland, danke ich Ihnen für die Einladung zur heutigen Gedenkfeier und für Ihre so herzliche Gastfreundschaft. Dieses vor allem auch vor dem Hintergrund unserer gemeinsamen Geschichte, denn zwischen Warschau und Westerland wird es immer ein erschütterndes Bindeglied geben. Ich darf zitieren:

Warschau 1. August 1944
Polnische Widerstandskämpfer stehen auf gegen die deutschen Besatzer.
Das nationalsozialistische Regime lässt den Aufstand niederschlagen.
Mehr als 150.000 Menschen werden ermordet, unzählige Männer, Frauen und Kinder geschändet und verletzt.

Heinz Reinefarth, von 1951 bis 1963 Bürgermeister von Westerland, war als Kommandeur einer Kampfgruppe mitverantwortlich für dieses Verbrechen.
Beschämt verneigen wir uns vor seinen Opfern und hoffen auf Versöhnung.
Aus Anlass des 70. Jahrestages des Warschauer Aufstandes.

So steht es auf einer Gedenktafel am Portal unseres Rathauses. Nur eines, aber ein gewichtiges, entschlossen platziertes und offensichtliches Ergebnis der Aufarbeitung unserer gemeinsamen Geschichte, ein Bekenntnis unserer Scham und unseres Bewusstseins.

Sylts Bürgermeister Nikolas Häckels nimmt an Gedenkfeierlichkeiten am Denkmal für die Opfer des Massakers von Wola teil
Sylts Bürgermeister Nikolas Häckels nimmt an Gedenkfeierlichkeiten am Denkmal für die Opfer des Massakers von Wola teil© Ambasada Niemiec

Es ist fünf Jahre her, dass meine Vorgängerin im Amt, Frau Bürgermeisterin Petra Reiber, Sie, die polnische Bevölkerung um Vergebung gebeten hat für das durch SS-General Reinefarth und andere NS-Verbrecher begangene Unrecht.

Wir haben unsere gemeinsame Geschichte intensiv aufgearbeitet, uns intensiv mit dem grauenvollen Verbrechen beschäftigt, die schrecklichen Geschehnisse um den als „Henker von Warschau“ bekannten Heinz Reinefarth öffentlich dokumentiert. Zeitzeugen und Schriftstücke belegen, dass Heinz Reinefarth als SS-Führer mit verantwortlich war für das Massaker und den Massenmord an der Warschauer Zivilbevölkerung.

Heinz Reinefarth ist trotz mehrerer Verfahren niemals verurteilt worden. Das ist und bleibt quälend, unfassbar und unbegreiflich.

Wir sind entsetzt, dass ein Mann, der für Massenmorde verantwortlich war, Bürgermeister von Westerland werden und politische Karriere als Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein machen konnte.

Ich selbst schäme mich dafür und ringe im Hinschauen um Fassung - als Bürgermeister, aber auch als Privatperson.

Wir können das begangene Unrecht an der polnischen Bevölkerung nicht ungeschehen machen. Wir können und müssen uns aber der Vergangenheit stellen, die Schuld unserer Vorfahren benennen.

Wir müssen alles dafür tun, dass unseren Kindern und Enkelkindern bewusst wird und auch ihren Kindern und Kindeskindern bewusst bleibt, dass solche unmenschlichen Gräueltaten nie wieder passieren dürfen. Und wir dürfen nach unserer Bitte um Vergebung auf Verzeihung hoffen – in unserem Wissen darum, dass jedes dieser unzähligen Einzelschicksale auf ewig schmerzen wird, dass die leidvolle Erinnerung nie vergehen wird auf Ihrer Seite und nie vergehen darf auf unserer.

Kranzniederlegung am Denkmal
Kranzniederlegung am Denkmal© Ambasada Niemiec

Gleich zu Beginn meiner Amtszeit gab es einen Schüleraustausch - ich habe mich sehr gefreut, Schülerinnen und Schüler aus Warschau in unserem Rathaus begrüßen zu können, in eben jenem Rathaus, an dem die eingangs zitierte Tafel befestigt ist. Für mich eine sehr berührende und auch wegweisende Begegnung.

Schülerinnen und Schüler unseres Schulzentrums haben diesen unseren besonderen Gästen die Insel gezeigt, es sind Kontakte entstanden, auf deren Fundament Freundschaft gedeihen kann. Freundschaften zwischen jungen Menschen, die die Bürde der Vergangenheit mittragen und sich im Vorfelde des Schüleraustausches mit unserer gemeinsamen schicksalhaften Vergangenheit auseinandergesetzt haben. Unbefangen und offen gingen die jungen Menschen miteinander um und aufeinander zu, gemeinsam schauten sie zurück. Und auch auf eine ungewisse Zukunft in diesen unseren unruhigen Zeiten – geeint im Wissen um die Vergangenheit und in dem drängenden Wunsch, dass Frieden Bestand haben möge.

Wir gedenken in diesem Jahr, 80. Jahre nach dem Überfall auf Polen, des Ausbruchs des Warschauer Aufstandes am 1. August vor genau 75 Jahren. Wir gedenken heute der fast 50.000 Menschen, die allein während des Massakers von Wola in deutschem Namen ermordet wurden.

Unser ehemaliger Bundespräsident Joachim Gauck hat einmal gesagt: „Achtet und suchet die Wahrheit. Sie ist eine Schwester der Versöhnung.“

Wir bitten demütig um Vergebung und um Versöhnung unserer schicksalhaft verbundenen Gesellschaften.

Nikolas Häckel
Bürgermeister
Gemeinde Sylt

Warschau, den 5.08.2019

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