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Wirtschaftslage in Polen

03.03.2020 - Artikel

Stand:  Februar 2020

Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsstruktur

Seit Beginn der Transformation 1990 hat Polens Wirtschaft eine eindrucksvolle Entwicklung durchlaufen. Der EU-Beitritt im Jahr 2004 hat diesen Trend nochmals verstärkt. Der Dienstleistungssektor hat inzwischen einen BIP-Anteil von 63,5 Prozent, die Industrie ca. 26,5 Prozent, Handwerk und Gewerbe ca. 7 Prozent und die Landwirtschaft gut 3 Prozent.

Etwa 70 Prozent der Wertschöpfung entsteht im Privatsektor. Sieben von zehn Arbeitnehmern sind in der Privatwirtschaft tätig.

Wichtige polnische Wirtschaftszweige mit langer Tradition sind die Lebensmittelindustrie, der Energiesektor, der Bergbau und die Hüttenindustrie, gefolgt von Maschinenbau, Elektrotechnik/Elektronik, Fahrzeugbau sowie der Textil- und Bekleidungsindustrie. In der Elektrobranche ist Polen der größte Montagestandort für Elektro-Haushaltsgeräte in Europa.

Wirtschaftswachstum

Polen konnte in den letzten Jahren durchgängig ein erhebliches Wirtschaftswachstum verzeichnen. Nach jüngsten Zahlen des Statistischen Hauptamtes (GUS) wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2019 um 4,1 Prozent. Für 2020 wird ein Anstieg von ca. 3,3 Prozent prognostiziert. Dieses Wachstum wird getragen durch einen hohen privaten Konsum, den Export, ein flexibles Arbeitsrecht, fiskalische Anreize und nicht zuletzt auch durch umfangreiche ausländische Direktinvestitionen. Der im Februar 2017 verabschiedete „Plan für verantwortungsvolle Entwicklung“ (sog. „Morawiecki-Plan“), der dem Regierungshandeln als Orientierung dient, soll durch Reindustrialisierung und Digitalisierung, durch die Mobilisierung von Investitionen und Kapital und die Förderung benachteiligter Regionen die Grundlage für einen raschen Aufschluss zu den großen europäischen Industrienationen schaffen.

Arbeitsmarkt und Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenquote lag lt. Eurostat Ende 2019 bei 3,4 Prozent, d.h. in Polen herrscht faktisch so gut wie Vollbeschäftigung – die beste Lage auf dem Arbeitsmarkt seit dem Umschwung 1989 und eine der besten im innereuropäischen Vergleich. Die kontinuierlich positive Lage am Arbeitsmarkt führt, neben demographischen Entwicklungen, in einer wachsenden Zahl von Branchen und Unternehmen zu einem Mangel an Fachkräften. In der Folge wächst auch der Bedarf an Arbeitskräften aus dem Ausland. In den letzten Jahren wurde in Polen ein systematischer Anstieg der Zahl der an Ausländer erteilten Arbeitserlaubnisse beobachtet. Im Jahr 2018 wurden knapp 329.000 Erlaubnisse ausgegeben, über 93.000 mehr als 2017 und 263.000 mehr als 2015. Arbeitserlaubnisse für Ausländer werden größtenteils für ukrainische Staatsbürger ausgestellt (72,5 Prozent der Gesamtzahl). Darüber hinaus gibt es mit Sicherheit eine große Zahl von Ukrainern (und Belarussen), die darüber hinaus zeitlich befristet oder im Graubereich in Polen arbeiten.

Löhne

Die Belebung auf dem Arbeitsmarkt geht seit einigen Jahren mit einem erheblichen Anstieg der Realeinkommen (Löhne und Gehälter) einher; 2019 lag er bei knapp 5 Prozent, z.T. auch noch höher. Die Löhne unterscheiden sich stark nach Regionen und Berufsgruppen. Der landesweite Durchschnittslohn aller Branchen beträgt derzeit ca. 4.900 PLN/Monat (ca. 1.140 Euro). Der gesetzliche Mindestlohn beträgt seit dem 1.1.2020 2.600 PLN (ca. 603 Euro) bzw. 17 PLN (ca. 3,94 Euro) pro Stunde.

Inflation

Nach vorläufigen Schätzungen des Statistischen Hauptamtes (GUS) betrug die Inflation 2019 im Jahresmittel ca. 2,3 Prozent; zum Vergleich: 2018 waren es 1,6 Prozent. Die Tendenz wird in den kommenden Monaten voraussichtlich weiterhin steigen, so die Polnische Nationalbank (NBP). 2020 werden vor allem die Energiepreise und andere kommunale u.ä. Kosten (Abfallentsorgung, Abwasser, Wasser, Transport, Kindergartengebühren) deutlich wachsen und einige neue Steuern (geplant ist u.a. eine Zuckersteuer) eingeführt werden. Auch die Lebensmittelpreise werden weiter steigen.

Die polnische Notenbank NBP hält den Leitzins seit März 2015 bei 1,5 Prozent. NBP-Gouverneur Glapiński hat jüngst erklärt, er erwarte, dass der Leitzins noch bis 2022 auf diesem Niveau bleiben werde.

Haushalt und Staatsverschuldung

Im Jahr 2018 sank das öffentliche Defizit auf 0,4 Prozent des BIP (erheblich niedriger als im ursprünglichen Haushaltsplan veranschlagt und der beste Wert seit Polens EU-Beitritt), die öffentliche Schuldenquote auf unter 49 Prozent des BIP. Diese positiven Zahlen basieren auf der dynamischen und erstaunlich robusten konjunkturellen Entwicklung, die sich u.a. in einem Anstieg der Steuereinnahmen (gestiegener Konsum, auch: verbesserte Steueradministration) und in geringeren staatlichen Zuschüssen zur Sozialversicherung auswirkt. 

Für 2020 ist ein ausgeglichener Haushalt (und ein nur geringes gesamtstaatliches Defizit) geplant. Im Etatentwurf für 2020 sollen sich die Einnahmen und Ausgaben des Staates mit jeweils 435,5 Mrd. Zloty (rund 101 Mrd. Euro) die Waage halten.

Auslandsinvestitionen

Polen gilt bei deutschen Unternehmen weiterhin als einer der attraktivsten Standorte Mittel- und Osteuropas. Zu seinen Stärken zählen die EU-Mitgliedschaft und Zugang zu erheblichen Fördermitteln; ein großer, dynamisch wachsender Binnenmarkt mit 38 Millionen Einwohnern; die geographische Nähe Polens zu Deutschland und anderen wichtigen Exportmärkten; die Verfügbarkeit gut ausgebildeter Hochschulabsolventen und qualifizierter, flexibler Fachkräfte; sowie die Anwesenheit lokaler Zulieferer und Partner. In der derzeitigen EU-Haushaltsperiode (2014–2020) erhält Polen mit etwa 105,8 Mrd. Euro den größten Anteil aus den EU-Strukturfonds.

Investoren aus Deutschland sind aggregiert mit ca. 35 Mrd. Euro in Polen engagiert; damit kommt etwa ein Sechstel der ausländischen Direktinvestitionen in Polen aus Deutschland. Letzte Umfragen der internationalen Handelskammern in Polen zeigen aber auch, dass ausländische Unternehmen mangelnde Vorhersehbarkeit der Wirtschaftspolitik bzw. kurzfristige Änderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen zunehmend kritisch sehen, zudem aufmerksam die Entwicklungen in Sachen Unabhängigkeit der polnischen Justiz verfolgen.

Außenhandel

Der Handel mit den EU-Mitgliedsstaaten entwickelte sich in den letzten Jahren sowohl auf der Import- als auch der Exportseite dynamisch. Das Schwergewicht des Außenhandels lag auch 2019 auf den EU-Ländern (81 Prozent der Exporte und 59 Prozent der Importe), wobei Deutschland als mit Abstand größter Handelspartner Polens eine herausragende Stellung einnimmt (28 Prozent der polnischen Gesamtausfuhr und 22 Prozent der Gesamteinfuhr). Der deutsche Außenhandel mit Polen lag 2019 nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes bei über 123 Mrd. Euro; damit löste Polen Großbritannien als sechstwichtigsten Handelspartner Deutschlands ab. Die deutschen Ausfuhren nach Polen wuchsen 2019 um fast 4 Prozent, die Importe aus Polen um ca. 5 Prozent.

Umweltpolitik

Die Umwelt- und Klimapolitik der Regierungen sind seit Jahren von der Sorge um die einheimische Kohle als polnischer Energielieferant Nummer 1 und um die Wettbewerbsfähigkeit der polnischen Wirtschaft geprägt. Das Thema Luftreinhaltung hat allerdings in den vergangenen Jahren in der öffentlichen Diskussion breiteren Raum eingenommen. Polen ist in Sachen Luftverschmutzung zusammen mit Bulgarien das EU-Schlusslicht. Zwar wurde dem Problem seitens der Politik höchste Priorität gegeben, die Effekte eines unlängst verabschiedeten Gesetzespakets zur Verbesserung der Luftqualität werden Ihre Wirkung allerdings erst mittelfristig entfalten können. Dieses Paket setzt auf eine Förderung der Thermoisolierung von Gebäuden und der Erneuerung von Heizkesseln, zudem auf die Einführung von Qualitätsnormen für Festbrennstoffe (v.a. Kohle).

Polen hat 2014 dem EU-Klima-und Energiepaket 2030 nur zögerlich zugestimmt und Sonderregelungen ausgehandelt, die dessen Umsetzung angesichts der stark auf heimischer Kohle basierenden Industrie (Energie, Chemie, Baustoffe, Schwerindustrie mit hohem Anteil am BIP) erleichtern sollen (u.a. im ETS-Bereich die Zuteilung kostenloser Emissionszertifikate). Strukturelle Änderungen im Energiesystem zeichnen sich derzeit nicht ab. Im Gegenteil: der Anteil erneuerbarer Energiequellen an der Gesamtstromerzeugung stagniert. POL setzt stattdessen auf die Modernisierung des überwiegend auf Braunkohle basierenden Kraftwerkparks (CO2-Minderungspotential bis zu 30 Prozent). Im Hinblick auf den europäischen „Green Deal“ ist die poln. Haltung noch nicht abschließend geklärt.

Ein im November 2018 vom Energieministerium vorgelegter Entwurf der „Energiepolitik Polens bis 2040“ befindet sich nach Abschluss der öffentlichen Konsultationen in der Überarbeitung. Er sieht weiterhin die Nutzung der einheimischen Kohle als wichtigsten Energieträger vor (56-60 Prozent Energie aus Kohle im Jahr 2030), den Rückgang der On-Shore-Windenergie, den Ausbau der Off-Shore-Windenergie sowie die Inbetriebnahme eines ersten Atomkraftwerks im Jahr 2033 mit anschließendem Ausbau der Kapazitäten bis 6-9 GW bis zum Jahr 2043.

Darüber hinaus soll Polen im Rahmen der EU-Verpflichtungen 2020 das nationale Ziel von 15 Prozent Anteil erneuerbarer Energie an der Gesamtendenergie im Jahr 2020 erreichen. Um diesem Ziel gerecht zu werden, sind 2019 kurzfristig zusätzliche Auktionen für Windenergie unternommen worden. In Fachkreisen bestehen an der Erreichbarkeit der Zielmarke Zweifel.

Polen hat die Übereinkunft von Paris 2016 ratifiziert. Auf der in Kattowitz ausgerichteten COP 24 im Dezember 2018 wurde ein „rulebook“ verabschiedet, welches die Rahmenbedingungen zur Erreichung der Ziele der Pariser Übereinkunft festlegt.

 

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