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Wirtschaftslage in Polen

Artikel

Stand:  Juli 2021

Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsstruktur

Seit Beginn der Transformation 1990 hat Polens Wirtschaft eine eindrucksvolle Entwicklung durchlaufen. Der EU-Beitritt im Jahr 2004 hat diesen Trend nochmals verstärkt. Der Dienstleistungssektor hat inzwischen einen BIP-Anteil von 57,5 Prozent, die Industrie ca. 28,2 Prozent, und die Landwirtschaft ca. 2,4 Prozent.

Etwa 70 Prozent der Wertschöpfung entstehen im Privatsektor. Sieben von zehn Arbeitnehmern sind in der Privatwirtschaft tätig.

Wichtige polnische Wirtschaftszweige mit langer Tradition sind die Lebensmittelindustrie, der Energiesektor, der Bergbau und die Hüttenindustrie, gefolgt von Maschinenbau, Elektrotechnik/Elektronik, Fahrzeugbau sowie der Textil- und Bekleidungsindustrie. In der Elektrobranche ist Polen der größte Produktionsstandort für Elektro-Haushaltsgeräte in Europa.

Wirtschaftswachstum

Polen konnte in den letzten Jahren durchgängig ein erhebliches Wirtschaftswachstum verzeichnen. Nach Zahlen des Statistischen Hauptamtes (GUS) wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2019 um 4,5 Prozent. Für 2020 wurde am Anfang des Jahres noch ein Anstieg von ca. 3,3 Prozent prognostiziert. Dieses Wachstum wurde bislang getragen durch einen hohen privaten Konsum, den Export, ein flexibles Arbeitsrecht, fiskalische Anreize und nicht zuletzt auch durch umfangreiche ausländische Direktinvestitionen. Der im Februar 2017 verabschiedete „Plan für verantwortungsvolle Entwicklung“ (sog. „Morawiecki-Plan“), der dem Regierungshandeln als Orientierung dient, soll durch Reindustrialisierung und Digitalisierung, durch die Mobilisierung von Investitionen und Kapital und die Förderung benachteiligter Regionen die Grundlage für einen raschen Aufschluss zu den großen europäischen Industrienationen schaffen.

Die COVID-19-Pandemie hat diesen positiven Trend unterbrochen. Das Bruttoinlandsprodukt ging 2020 um 2,7% zurück. Für Polen war dies die erste Rezession seit 1990/1991. Sie fiel aber deutlich moderater aus als in den meisten anderen EU-Mitgliedstaaten.

Der polnischen Regierung (und der Zentralbank NBP) war es dank der zuvor guten Finanz- und Wirtschaftslage möglich, schnell Hilfsmaßnahmen auf den Weg zu bringen, deren finanzieller Umfang bei ca. 15% des BIP liegt, und damit die wirtschaftlichen Schäden der Pandemie relativ moderat ausfallen zu lassen. Für 2021 wird bereits wieder mit einem Wirtschaftswachstum von vier bis fünf Prozent gerechnet.

Arbeitsmarkt und Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenquote lag lt. Eurostat Ende 2019 bei 3,4 Prozent, d.h. in Polen herrschte bis zum Ausbruch der Pandemie faktisch so gut wie Vollbeschäftigung – die beste Lage auf dem Arbeitsmarkt seit dem Umschwung 1989 und eine der besten im innereuropäischen Vergleich. Nach einem moderaten, pandemiebedingten Anstieg liegt die Quote inzwischen wieder in der Nähe derjenigen vor der Pandemie und damit auf europaweit niedrigstem Niveau.

Die kontinuierlich positive Lage am Arbeitsmarkt führt, neben demographischen Entwicklungen, in einer wachsenden Zahl von Branchen und Unternehmen zu einem Mangel an Fachkräften. In der Folge wächst auch der Bedarf an Arbeitskräften aus dem Ausland. In den letzten Jahren wurde in Polen ein systematischer Anstieg der Zahl der an Ausländer erteilten Arbeitserlaubnisse beobachtet. 2019 wurden knapp 445.000 Erlaubnisse ausgegeben, über 116.000 mehr als 2018 und 379.000 mehr als 2015. Arbeitserlaubnisse für Ausländer werden größtenteils für ukrainische Staatsbürger ausgestellt. Darüber hinaus gibt es mit Sicherheit eine große Zahl von Ukrainern (und Belarussen), die darüber hinaus zeitlich befristet oder im Graubereich in Polen arbeiten.

Die Zahl der ausländischen Arbeitnehmer ist pandemiebedingt zurückgegangen - 2020 wurden mehr als 406.000 Arbeitserlaubnisse für Ausländer erteilt. Das waren 8,6 Prozent weniger als 2019, aber im Vergleich zu 2015 ist die Zahl auf das Sechsfache gestiegen.

Löhne

Die Belebung auf dem Arbeitsmarkt geht seit einigen Jahren mit einem erheblichen Anstieg der Realeinkommen (Löhne und Gehälter) einher. Die Löhne unterscheiden sich stark nach Regionen und Berufsgruppen. Der landesweite Durchschnittslohn aller Branchen betrug 2020 ca. 5.167 PLN/Monat (ca. 1.164 Euro). Der gesetzliche Mindestlohn beträgt seit dem 1.1.2021 2.800 PLN (ca. 630 Euro) bzw. 18,30 PLN (ca. 4,12 Euro) pro Stunde.

Inflation

Nach Angabe des Statistischen Hauptamtes (GUS) betrug die Inflation 2020 im Jahresmittel ca. 3,4 Prozent; zum Vergleich: 2019 waren es 2,3 Prozent.  Der auch in den ersten Monaten 2021 anhaltende Preisdruck (Mai 2021: 4,7 Prozent) bereitet Sorgen.

Die polnische Zentralbank NBP hat im April und Mai 2020 den Leitzins, der seit März 2015 bei 1,5 Prozent gelegen hatte, auf nunmehr 0,1 Prozent abgesenkt.

Haushalt und Staatsverschuldung

2019 sank das öffentliche Defizit auf 0,7 Prozent des BIP (erheblich niedriger als im ursprünglichen Haushaltsplan veranschlagt und der beste Wert seit Polens EU-Beitritt), die öffentliche Schuldenquote auf etwa 47 Prozent des BIP. Diese positiven Zahlen basierten auf der dynamischen und erstaunlich robusten konjunkturellen Entwicklung, die sich u.a. in einem Anstieg der Steuereinnahmen (gestiegener Konsum, auch: verbesserte Steueradministration) und in geringeren staatlichen Zuschüssen zur Sozialversicherung auswirkt.

Für 2020 plante die polnische Regierung ursprünglich einen ausgeglichenen Haushalt (und ein nur geringes gesamtstaatliches Defizit). Im Etatentwurf für 2020 sollten sich die Einnahmen und Ausgaben des Staates mit jeweils 435,5 Mrd. Zloty (rund 101 Mrd. Euro) die Waage halten. Die vergleichsweise guten Budgetzahlen der letzten Jahre haben sich in der Coronakrise ausgezahlt, da sie erhebliche staatliche Hilfsmaßnahmen zuließen.

Diese führten 2020 zu einem Haushaltsdefizit von ca. 5% des BIP; das gesamtstaatliche Defizit lag bei knapp 10%. Die Staatsverschuldung stieg in diesem Zeitraum auf ca. 60%. Die Verschuldung wird 2021 nochmals leicht ansteigen, bevor sie 2022 vermutlich wieder unter 60% des BIP fällt.

Auslandsinvestitionen

Polen gilt bei deutschen Unternehmen seit vielen Jahren als einer der attraktivsten Standorte Mittel- und Osteuropas. Zu seinen Stärken zählen die EU-Mitgliedschaft und Zugang zu erheblichen Fördermitteln; ein großer, dynamisch wachsender Binnenmarkt mit 38 Millionen Einwohnern; die geographische Nähe Polens zu Deutschland und anderen wichtigen Exportmärkten; die Verfügbarkeit gut ausgebildeter Hochschulabsolventen und qualifizierter, flexibler Fachkräfte; sowie die Anwesenheit lokaler Zulieferer und Partner. In der EU-Haushaltsperiode 2014–2020 erhielt Polen mit etwa 105,8 Mrd. Euro den größten Anteil aus den EU-Strukturfonds. Auch in den nächsten Jahren wird Polen Nettoempfänger bleiben und erhebliche Mittel erhalten. Im Rahmen des Mehrjährigen Finanzrahmens 2021-2027 und des Aufbauinstruments „Next Generation EU“ sollten (brutto) ca. 170 Mrd. Euro nach Polen fließen.

Investoren aus Deutschland sind aggregiert mit ca. 39 Mrd. Euro in Polen engagiert; damit kommt etwa ein Sechstel der ausländischen Direktinvestitionen in Polen aus Deutschland. Umfragen der internationalen Handelskammern in Polen zeigen aber weiterhin, dass ausländische Unternehmen mangelnde Vorhersehbarkeit der Wirtschaftspolitik bzw. kurzfristige Änderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen zunehmend kritisch sehen, zudem aufmerksam die Entwicklungen in Sachen Unabhängigkeit der polnischen Justiz verfolgen.

Außenhandel

Der Handel mit den EU-Mitgliedsstaaten entwickelte sich in den letzten Jahren sowohl auf der Import- als auch der Exportseite dynamisch. Das Schwergewicht des Außenhandels lag auch 2020 auf den EU-Ländern (ca. 74 Prozent der Exporte und 55 Prozent der Importe), wobei Deutschland als mit Abstand größter Handelspartner Polens eine herausragende Stellung einnimmt (29 Prozent der polnischen Gesamtausfuhr und fast 22 Prozent der Gesamteinfuhr).

Der deutsche Außenhandel mit Polen lag 2020 nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes bei über 123 Mrd. Euro; damit löste Polen Italien als fünftwichtigsten Handelspartner Deutschlands ab. Die deutschen Ausfuhren nach Polen erreichten 2020 den Wert von ca. 65 Mrd. Euro, die Importe aus Polen mehr als 58 Mrd. Euro. Trotz anfänglicher Befürchtungen blieb der deutsch-polnische Handel selbst während der Pandemie stabil und verlor nicht an Schwung.

Klima und Umweltpolitik

Die Umwelt- und Klimapolitik der Regierungen sind seit Jahren von der Sorge um die einheimische Kohle als polnischer Energielieferant Nummer 1 und um die Wettbewerbsfähigkeit der polnischen Wirtschaft geprägt. Das Thema Luftreinhaltung hat allerdings in den vergangenen Jahren in der öffentlichen Diskussion breiteren Raum eingenommen. Polen ist von Luftverschmutzung stärker betroffen als die meisten oder alle anderen EU-Staaten. Zwar wurde dem Problem in den letzten Jahren höhere Priorität eingeräumt, die Effekte der ergriffenen Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität werden ihre Wirkung allerdings erst mittelfristig entfalten können. Polen setzt auf die Förderung der Erneuerung von Heizkesseln und der Thermoisolierung von Gebäuden, zudem auf die Einführung von Qualitätsnormen für Festbrennstoffe (v.a. Kohle). Darüber hinaus soll die Förderung von Elektromobilität die Luftqualität besonders in Großstädten verbessern. Die Luftverschmutzungsbekämpfung gehört neben einer Abfallwirtschaft nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft und der Anpassung an die Folgen des Klimawandels zu den Zielen der 2019 verabschiedeten Umweltpolitik Polens 2030.

Strom wird nach wie vor hauptsächlich (zu knapp 70%) aus Stein- und Braunkohle hergestellt, es zeichnen sich im polnischen Energiesystem aber langsam Änderungen ab. Der Kohle-Anteil am Energiemix Polens geht langsam, aber kontinuierlich zurück. Für 2049 wurde der Ausstieg aus Steinkohle verkündet. Währenddessen nimmt die Rolle von Gas und Erneuerbaren Energien zu. Besonders dynamisch entwickelt sich die Photovoltaik. 

Anfang 2021 wurde ein neues Strategiedokument verabschiedet, das die Richtungen für die Entwicklung des polnischen Brennstoff- und Energiesektors festlegt - „Energiepolitik Polens bis 2040“. Die neue Energiestrategie sieht auch für die nächsten Jahre die Nutzung der einheimischen Kohle als wichtigen Energieträger (37 bis 56% Strom aus Kohle im Jahr 2030 und zwischen 11 und 28% im Jahr 2040), den Aufbau der Offshore-Windenergie und die Inbetriebnahme des ersten Atomkraftwerks im Jahr 2033 mit anschließendem Ausbau der Kapazitäten auf sechs bis neun Gigawatt bis zum Jahr 2043 vor. Laut dem Dokument sollen ferner die CO2-Emissionen bis 2030 um 30% gegenüber 1990 reduziert werden und die Energieeffizienz steigen. Erneuerbare Energien sollen 2030 mindestens einen 23-prozentigen Anteil am Brutto-Endenergieverbrauch haben. 2019 betrug dieser Anteil noch 12%, während das nationale Ziel für 2020 im Rahmen der EU-Verpflichtungen 15% beträgt.

Die wachsende Bedeutung des Klimaschutzes spiegelt sich in der Ende 2019 erfolgten Einrichtung eines Klimaministeriums (derzeit: Klima- und Umweltministerium) anstelle des vormaligen Energieministeriums wider. Polen unterstützt das Ziel der Klimaneutralität der Europäischen Union, bekennt sich aber bisher nicht zur Klimaneutralität auf nationaler Ebene. Der „Europäische Green Deal“ wird als eine große Herausforderung für das polnische Energiewesen und die Wirtschaft betrachtet – vor allem hinsichtlich der steigenden Preise für CO2-Zertifikate, der Gewährleistung von Zukunftsperspektiven für die polnischen Bergbauregionen und des möglichen Tempos des Aufbaus von emissionsfreien bzw. emissionsarmen Energiequellen anstelle der veralteten Kohleraftwerk-Infrastruktur. Aus Sorge um die schwächeren Einkommenssichten bleibt Polen auch bzgl. der Einführung eines Emissionshandels in den Bereichen Verkehr und Gebäude skeptisch. Gleichzeitig erhofft sich Polen bedeutende wirtschaftliche Vorteile und Chancen in Verbindung mit den geplanten Investitionen in Erneuerbare Energien, insbesondere bei Offshore-Windenergie.

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