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Rede von Botschafter Nikel zum 500. Reformationsjubiläum

Artikel

Botschafter Rolf Nikel sprach am 28. Oktober 2017 aus Anlass des 500. Reformationsjubiläums.

Botschafter Rolf Nikel sprach am 28. Oktober 2017 aus Anlass des 500. Reformationsjubiläums.

-Es gilt das gesprochene Wort-

Exzellenzen,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich danke Ihnen, dass Sie meiner Einladung, auch im Namen der Evangelisch-Augsburgischen Kirche Polens, gefolgt sind.


Ich freue mich sehr, dass eine so große Delegation der EKD den Weg zu den Reformationsfeierlichkeiten nach Warschau gefunden hat. Ich freue mich auch, dass heute eine Delegation des Zentralkomitees der deutschen Katholiken unter uns veilt. Damit setzen wir deutlich ein wichtiges Zeichen der Ökumene hier in Warschau.

Am 31. Oktober 1517 schlug Martin Luther seine berühmten 95 Thesen an das Tor der Schlosskirche zu Wittenberg. Mit diesem epochalen Ereignis nahm eine Entwicklung ihren Lauf, die die damalige Welt aus ihren Angeln hob.

Die Schockwellen dieses Ereignisses sind bis heute spürbar. Luther und die anderen Reformatoren veränderten damals den Glauben, die Kirche und die europäischen Gesellschaften. Sie definierten das Verhältnis des Menschen zu Gott neu. Daran erinnern wir heute, 500 Jahre später. Die Kernfragen und Gedanken der Reformation sind auch heute noch aktuell und werden es bleiben. Denn die Suche des Menschen nach sich selbst wird nicht aufhören.

Nach den letzten Schätzungen bekennt sich heute weltweit ca. 1 Mrd. Menschen zum Protestantismus, wenn man auch protestantische Abspaltungen wie die Baptisten und die Pfingstler hinzu rechnet. Damit liegen die Protestanten weltweit nur knapp hinter den Katholiken, die auf ca. 1,3 Mrd. Menschen kommen.

Martin Luthers Persönlichkeit und sein Werk sind hoch komplex. Nur allzu oft ist er von interessierter Seite für eigene Zwecke reklamiert, wenn nicht gar missbraucht worden.

Eigentlich wollte der Augustinermönch aus Eisleben die Kirche nur reformieren. Seine weltanschaulichen Forderungen entwickelten jedoch eine derartige Sprengkraft, dass sich politische Konflikte an ihnen entzündeten.

In Deutschland beriefen sich die aufmüpfigen Bauern ausdrücklich auf Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen.“ In Frankreich wurden 1572 in der berüchtigten Bartholomäusnacht zahllose protestantische Hugenotten massakriert. In Polen hingegen erklärte der Sejm der Polnisch-Litauischen Union wenige Monate später den protestantischen Glauben als gleichberechtigt neben dem römisch-katholischen und dem orthodoxen. Diese Entscheidung für Toleranz war ein mutiger Schritt in einem Europa, das von grausamen Konfessionskriegen und fortwährender Spaltung geprägt war.

Man mag vieles in Luther hinein interpretieren. Einige sehen in seinem Aufbegehren gegen die Amtskirche den Kampf für moderne Freiheitsrechte, andere den Sozialrevolutionär, der sich aber letztlich gegen die Anführer der Bauernaufstände wandte. Und letztlich ist auch der 30-jährige Krieg in Deutschland jenseits seiner machtpolitischen Implikationen eine Spätfolge der Reformation.

Bis heute irritiert, provoziert und fordert uns dieser Mann heraus – als Geistlicher und als Mensch. Als Wegbereiter einer einenden, einheitlichen deutschen Schriftsprache kann man ihn bewundern. Genauso kann man ihm seine Äußerungen gegen Andersgläubige und Andersdenkende vorwerfen. Um die Entwicklung bürgerlicher Ideale und Werte von heute zu verstehen, muss man sich mit Martin Luther und der Reformation auseinander setzen.

Was Luther aus meiner Sicht heute so attraktiv macht, sind seine persönliche Gewissensstärke auch unter erheblichem äußeren Druck, seine befreienden theologischen Forderungen und sein Beitrag zur deutschen Sprache.

Ob es sich nun tatsächlich genauso zugetragen hat oder nicht, wer kann die moralische Größe des Mannes bestreiten, der ggü. der höchsten weltlichen Autorität der Zeit ohne Rücksicht auf die Konsequenzen furchtlos seinen Glauben bekennt? Wer könnte die befreiende Wirkung der Rechtfertigung allein aus der Gnade Gottes vermittelt durch den Glauben an Jesus Christus negieren. Und wer mag die Herkulesarbeit der Übersetzung der Bibel ins Deutsche geringschätzen?

Luther lebte noch in einer Welt, in der die Religiosität den Mittelpunkt der Gesellschaft in Europa bildete. Heute würden sich viele europäische Länder als säkularisiert bezeichnen.

Trotzdem sind die Frage nach Gott und das für Luther so wichtige Verhältnis zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer keineswegs verschwunden. Und gerade auch die Fragen nach den Konsequenzen für das tägliche Handeln, die sich aus der Freiheit eines Christenmenschen ergeben, sind keineswegs obsolet.

Hier sehe ich wichtige Aufgaben für Kirche und Gläubige sowohl in Deutschland als auch in Polen. Die Ostdenkschrift der EKD von 1965 stellte damals mitten in Kalten Krieg eine wichtige Grundlage für den Aussöhnungsprozess zwischen Deutschen und Polen nach dem von NS Deutschland vom Zaun gebrochenen Vernichtungs-und Versklavungskriegs dar. Heute, da die Aussöhnung zwar weit fortgeschritten ist, von einigen aber wieder zur Disposition gestellt wird, ist das Engagement aller Christen beidseits der Oder für diesen Schatz von großer Bedeutung. Ich darf sie alle herzlich ermutigen, sich in diesen Prozess einzubringen.

Deutschland gedenkt der Reformation in mehr als 1000 Veranstaltungen im sogenannten „Lutherjahr“. Wir wollen dieses Jubiläum, so gut es geht, gemeinsam auch mit unseren polnischen Freunden feiern, wie es den guten Traditionen unserer beiden protestantischen Kirchen entspricht.

Für meine Mitarbeiter und mich ist es daher eine große Ehre, die Feierlichkeiten zu begleiten. Das Deutsche Kulturforum organisiert in verschiedenen polnischen und deutschen Städten die Wanderausstellung „Reformation im östlichen Europa“. Am Zaun der Botschaft erinnert die Ausstellung „Here I stand“ an das Reformationsjubiläum. Mit demTor der Himmelfahrtsgemeinde in der Puławskastraße haben wir außerdem mit dazu beigetragen, dass mitten im pulsierenden Straßenverkehr des Zentrums ein Ort des Erinnerns entstanden ist.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Die Reformation hat Europa und das Christentum grundlegend verändert. Wie damals auch, droht heute wieder eine Spaltung Europas. Damals spaltete die Religion; heute muss der Glaube helfen zu versöhnen. Das gilt sowohl für den Dialog unterschiedlicher Religionen wie für die Aussöhnung zwischen den Völkern.

Versöhnung ist trotz aller Verschiedenheit möglich und sie macht eine Gemeinschaft stark.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.