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DAAD-Alumni-Treffen Warschau

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Botschafter Nikel sprach am 9. Juni bei einem DAAD-Alumni-Treffen in Warschau.

Botschafter Nikel sprach am 9. Juni bei einem DAAD-Alumni-Treffen in Warschau.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich freue mich zur Eröffnung Ihres Jubiläumstreffens zu Ihnen zu sprechen. Wenn ich mich so umschaue, blicke ich in viele bekannte Gesichter. Sie alle verbindet das Interesse für Ihre deutschen Nachbarn. Wir können uns darüber nur freuen und glücklich schätzen. Ihre konkreten Erfahrungen, die Sie bei Ihrem Aufenthalt in Deutschland gemacht haben, bilden das Fundament für Vertrauen und Freundschaft. Wir brauchen dieses starke und wertvolle Fundament für unsere nachbarschaftliche Zusammenarbeit und um die drängenden Aufgaben in Europa gemeinsam zu bewältigen.

Europa ist das Thema Ihres Treffens und ich möchte deshalb mit Ihnen ein paar Gedanken dazu teilen. Die Europäische Union ist das Beste, was uns in unserer Geschichte passiert ist! Die EU hat uns 70 Jahre Frieden beschert und zu einem wirtschaftlichen Aufschwung ohne gleichen beigetragen. Und die Europäische Union ist eine Wertegemeinschaft, die mitgeholfen hat Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit zu sichern. Darüber müssen wir mehr reden!

Denn: Eine Befragung unter 6000 jungen Europäern in Frankreich, Spanien, Italien, Großbritannien, Griechenland, Polen und Deutschland offenbarte unlängst nur eine fragile Zustimmung zu Europa. Mehr als ein Drittel der befragten jungen Menschen tun sich schwer damit, dass ihre Regierungen Einfluss an die Europäische Union abtreten und wünschen sich, dass die EU Regierungshandeln wieder an die nationalen Parlamente zurückgibt. Jeder fünfte junge Europäer befürwortet den Austritt seines Landes aus der EU – in Polen sind es übrigens 22 Prozent. Nur gut die Hälfte der jungen Europäer sieht „Demokratie“ als beste Staatsform an. Jeder fünfte junge Europäer ist alsoEU-Skeptiker“ und nimmt Globalisierung, Digitalisierung und offene Grenzen als Bedrohung wahr.

Welche Antworten haben wir für die jungen Europäer? Wie schaffen wir wieder mehr Vertrauen in das große Friedensprojekt „Europäische Union“? Eine positive europäische Identität, die ein belastbares Fundament für Solidarität und Legitimität europäischen Regierens bietet, lässt sich nicht einfach verordnen!

Ende Mai hat der große Historiker, englische Europäer und Polen-Freund, Professor Timothy Garton Ash, in Aachen den Karlspreis erhalten. Der Karlspreis – eine Auszeichnung für Persönlichkeiten, die sich um die europäische Einigung verdient gemacht haben – hat die großen Architekten Europas wie Schuman, Monnet, Adenauer, Delors und Kohl ebenso geehrt wie den Wissenschaftler, Politiker und Staatsmann, Bronislaw Geremek, der, wie Sie wissen, an der Universität Warschau studierte und an der Polnischen Akademie der Wissenschaften habilitiert wurde.

Ash und Geremek ist die Einsicht gemeinsam, dass wir nicht einfach stehen bleiben können, sondern unsere eigenen historischen Erfahrungen und unser eigenes kulturelles Erbe in eine gemeinsame Wertediskussion einbringen müssen, die in eine gemeinsame Zukunft führt. Es geht um nichts Geringeres, als um die Rolle der Europäischen Union in der Welt und wie wir in dieser, eng vernetzten, globalen Welt unsere Prinzipien verteidigen und Freiheit, Frieden, Demokratie, Toleranz, Recht, Selbstbestimmung und letztlich Wohlstand erhalten können.

Es ist unser aller Aufgabe, die nachfolgende Generation in Europa in den Prozess der gemeinsamen Suche nach Identität einzubinden. Dabei dürfen wir eine der ältesten Weisheiten der Menschheit nicht vergessen: Wir überleben nur dann, wenn wir gemeinsam handeln. Die Erkenntnis, dass unsere Interessen nicht mehr von den Interessen unserer Nachbarn zu trennen sind, hat unseren Kontinent befriedet. Sie ist noch heute die Basis für Frieden, Freiheit, Demokratie und Wohlstand in Europa. Schmerzhaft und umso deutlicher haben uns die Eurokrise wie auch die Flüchtlingskrise gezeigt, dass es immer weniger möglich ist, nationale und europäische Politik voneinander zu trennen.

Vergangenes Jahr haben wir den 25. Jahrestag des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages gefeiert. Das Vertrauen und die Freundschaft, die sich in diesen Jahren entwickelt haben, sind keine Selbstverständlichkeit.

Wir wollen nun gemeinsam nach vorne blicken. Wir wollen Polen als Partner bei den anstehenden Reformen der Europäischen Union gewinnen. Der Dialog zwischen der Europäischen Kommission und Polen darf nicht abbrechen. Wir wollen mithelfen, ihn weiter zu befördern. Ein guter Anlass hierfür wird in den kommenden Monaten die Diskussion um die Vorschläge zur Zukunft Europas sein, die EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zum 60-jährigen Jubiläum der Römischen Verträge in einem Weißbuch vorgelegt hat.

Wie wird sich Europa in den kommenden zehn Jahren verändern? Welche Auswirkungen haben neue Technologien auf Gesellschaft und Beschäftigung? Welche Bedenken gibt es hinsichtlich der Globalisierung? Wie erhalten wir die bestehende Sicherheitsordnung und wie gehen wir mit Krisen um, die sich aus der Instabilität östlich unserer Grenzen und im Nahen und Mittleren Osten ergeben?

Unser Ziel ist es, die Erfolgsgeschichte der Europäischen Union fortzuschreiben und die Interessen der zukünftig 440 Millionen Unionsbürgerinnen und -bürger zu wahren.

Wir stehen vor einer Wahl: Im Jahr 2060 wird auf jeden einzelnen EU-Mitgliedstaat ein Anteil von weniger als 1 Prozent an der Weltbevölkerung entfallen. Wenn wir jetzt nicht zusammenzuhalten, werden andere über unser Schicksal bestimmen.

Wir brauchen eine breite Debatte in Europa, die nicht nur von den Europa-Skeptikern dominiert wird.

„Polen und Deutschland gemeinsam in Europa“ heißt der Untertitel Ihres Alumni-Treffens – wir sind also mitten in der Diskussion! Die Zukunft Europas liegt in unserer Hand!

Ich danke Ihnen und möchte Ihre Aufmerksamkeit noch kurz auf den heutigen Abend lenken. Sie haben es sicher dem Programm entnommen: wir laden Sie sehr herzlich in den Garten der Deutschen Botschaft zu einem Alumni-Sommerfest ein. Es erwartet Sie nicht nur „Speiß und Trank“, sondern auch 200 weitere Deutschland-Alumni anderer Mittler-Organisationen. Für die musikalische Untermalung sorgt diesmal eine Jazzband. Wir freuen uns auf den Abend mit Ihnen!

Warschau, 9. Juni 2017

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