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Grußwort von Botschafter Rolf Nikel zur Eröffnung der Warschauer Buchmesse

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Grußwort von Botschafter Nikel zur Eröffnung der VIII. Warschauer Buchmesse am 18. Mai.

Grußwort von Botschafter Rolf Nikel zur Eröffnung der VIII. Warschauer Buchmesse am 18. Mai 2017.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Für die Bundesregierung darf ich mich herzlich für die Einladung Deutschlands und die damit verbundene Ehre bedanken. Deutschland ist nach 2006 zum zweiten Mal Gastland der Warschauer Buchmesse und darf sich damit in seiner literarischen und kulturellen Vielfalt auf der größten Buchmesse Polens präsentieren. Besonders freue ich mich, dass Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier morgen nach Warschau kommen wird. Auf Einladung des Präsidenten der Republik Polen Andrzej Duda werden beide Präsidenten auch die Buchmesse besuchen und den deutschen Stand offiziell eröffnen.

Dies soll Sie natürlich nicht davon abhalten, auch heute schon das reiche Programm des deutschen Gastauftrittes wahrzunehmen. In weniger als zwei Stunden wird sich an dieser Stelle der Publizist Adam Krzemiński mit Nobelpreisträgerin Herta Müller über Sprache, Sprachwechsel, Literatur und Politik unterhalten. Ein glänzender Auftakt des deutschen Gastauftritts, der unter dem Motto „Worte bewegen. Siła słów” dazu einlädt, über unsere gemeinsamen Werte zu diskutieren. „Quo vadis, Europa?“, fragt eine weitere Veranstaltung mit dem Autor Jurij Andruchowitsch, der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot und der Publizistin Magdalena Grochowska am Samstag. Welches Handeln, welche Strategien erfordert unsere Gegenwart, um den Frieden in Europa zu erhalten?

In allen Ländern Europas lassen sich populistische Tendenzen beobachten, die demokratische Werte gefährden. Die Sprache ist zuweilen bedauerlicher aggressiv. Oft gewinnt eher derjenige, der andere Meinungen übertönt, als der mit den besseren Argumenten. Wir wollen uns die Frage stellen: wie finden wir wieder zu einer auf Dialog ausgerichteten Sprache zurück?

Gute Literatur kann bewegen. Słowa mają siłę.

Gute Literatur kann Demokratie vermitteln, da ihre Texte vielstimmig sind. Erst wenn ein Werk Freiräume für Interpretationen zulässt, ist es echte Literatur. Sie regt dazu an, mitzudenken und sich seine eigene Meinung zu bilden. In Zeiten der auf uns hereinbrechenden Informationsflut – nicht selten einer Flut der Falschmeldungen – ist ihr Beitrag zum rationalen Diskurs essentiell.

Gute Literatur lehrt auch, Mehrstimmigkeit und Widersprüchlichkeiten auszuhalten. Sie lehrt Toleranz und lässt auch andere zu Wort kommen. Damit baut sie mit an den Grundlagen demokratischer Gesellschaften.

Literaten wird oft nachgesagt, Seismographen gesellschaftlicher Prozesse zu sein. Schriftsteller sind sensibler für die Entwicklungstendenzen innerhalb einer Gesellschaft. Sie halten der eigenen Gesellschaft sozusagen einen Spiegel vor und bewegen den Leser zum Nachdenken.

Schließlich ermöglicht Literatur einen Kulturdialog über Staats- und Sprachgrenzen hinweg. Ein gutes Buch erschließt neue Horizonte und überwindet oft kulturelle und sprachliche Grenzen. Ein Buch zu lesen, bedeutet, sich mit zunächst fremden Gedanken auseinander zu setzen. Worte werden so zu einer Brücke, zu einem Pass, der einem die Einreise in ein anderes Land, in eine andere Kultur und den Kontakt mit Neuem ermöglichen.

Sie ahnen es, meine Damen und Herren, um in diesen fruchtbaren Kontakt und Dialog treten zu können, sind Sprachkenntnisse notwendig. Wenn diese fehlen, ist eine gute Übersetzung von zentraler Bedeutung. Ein Dank an dieser Stelle auch an unsere heutigen Simultandolmetscher.

Übersetzer sind Schlüsselfiguren nicht nur im literarischen Kulturaustausch. Übersetzen bedeutet auch über-Setzen vom Ufer eines Sprach- und Kulturraums zum Ufer des anderen Sprach- und Kulturraumes. Ein Übersetzer muss das Denken hinter der verwendeten Sprache, den Sprachkonventionen und der nationalen Konnotation bestimmter Begriffe verstehen und wissen, wie er diese Eigenarten dem fremdsprachigen Leser in dessen eigener Sprache vermitteln kann. Er muss wortwörtlich in beiden Sprachen und Kulturen „zuhause sein“.

Diejenigen unter uns, die nur im Polnischen oder nur im Deutschen zuhause sind, können sich glücklich schätzen, dass zwischen unseren Buchmärkten so enge Beziehungen bestehen. Das Polnische ist seit Jahren eine der 10 wichtigsten Sprachen, in die deutsche Bücher übersetzt werden. Das Polnische wiederum ist eine der 20 wichtigsten Sprachen, aus denen Titel ins Deutsche übersetzt werden. Wir lesen gerne von und über unseren Nachbarn. Und wir „teilen“ unsere Autoren. Viele deutsche Autoren sprechen Polnisch oder haben polnische Wurzeln. Alle diese Autoren würden sich vermutlich mit mir streiten, wenn ich sie allein als „deutsche“ oder allein als „polnische“ Autoren bezeichnen würde.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich wünsche uns allen, dass es uns nie an klugen Autoren, Übersetzern und Kulturmittlern fehlen wird. Mögen jedes Jahr noch mehr polnische und deutsche Bücher übersetzt und verlegt werden. Es wäre schön, wenn viele dieser literarischen Botschafter die Beziehungen zum Nachbarland stärken. Denn ein enger kultureller Austausch und ein kontinuierlich geführter Dialog verhindern ein Auseinanderbrechen von Gemeinschaften. Der enge deutsch-polnische Dialog ist im heutigen Europa wichtiger denn je.

Warschau, 18. Mai 2017

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