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Enthüllung der Bartoszewski-Tafel

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Botschafter Nikel sprach bei der Einweihung des Władysław-Bartoszewski-Saals.

Ambasada Niemiec Warszawa

Botschafter Nikel sprach bei der Einweihung des Władysław-Bartoszewski-Saals.

Sehr geehrter Herr Bartoszewski, lieber Władysław Teofil,

Sehr geehrte Damen und Herren,

Professor Władysław Bartoszewski erzählte häufig die Anekdote, dass Du, lieber Władysław Teofil, ihn in jungen Jahren fragtest: „Papa, warum eilst du so?“ und er geantwortet habe: „Söhnchen, du bist jung und Du hast Zeit; ich habe keine Zeit mehr, ich muss mich beeilen“.

Władysław Bartoszewski war in der Tat immer in Eile. Und er hat ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Lebenswerk hinterlassen. Aus Anlass des ersten Todestages dieses außergewöhnlichen Menschen haben wir uns zu einer außergewöhnlichen Maßnahme entschieden: Die Benennung des Hauptsaals der deutschen Botschaft in Warschau nach ihm. Es gibt nur wenige Säle an deutschen Botschaften weltweit, die nach Personen benannt sind. Umso mehr freue ich mich, heute dieses Zeichen der Würdigung setzen zu können.

Ich hatte einige Male die Ehre, persönlich mit Władysław Bartoszewski zusammenzutreffen. Er hat mich durch seine charismatische Persönlichkeit und durch seine Treue zu den gemeinsamen Werten in seinen Bann geschlagen. Unübertroffen bleibt sein Humor, den er durch zahlreiche Anekdoten und literarische Zitate ausdrückte.

Władysław Bartoszewski war ein Mann des Geistes und der Tat. Ein Mann der Weitsicht und des Muts, ein unbeugsamer Streiter für Freiheit und für Versöhnung. Das gilt für die Jahre im Widerstand gegen Deutschland während des Nationalsozialismus. Nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Auschwitz nahm er am Warschauer Aufstand teil. Statt angesichts des unermesslichen Leids am Leben zu verzweifeln, bitter zu werden oder auf Rache zu sinnen, hat er unbeirrbar seinen Einsatz für Freiheit und Versöhnung fortgesetzt. Er wollte ähnliches Leid nie wieder zulassen. So wurde er zu einem der Gerechten unter den Völkern.

Auch nach dem Kriegsende wurde er von den neuen Machthabern verfolgt und verbrachte lange Jahre im Gefängnis, wegen angeblicher Spionage. Er hatte mit seinem Engagement für Solidarność Anteil an der Überwindung von kommunistischer Bevormundung und hat zum Ende der Teilung Europas beigetragen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde er als polnischer Außenminister ein Antreiber der europäischen Einigung.

Schon sehr früh hat er sich in besonderem Maße den deutsch-polnischen Beziehungen gewidmet. Er knüpfte noch zu Zeiten der Teilung Deutschlands Kontakte zu beiden deutschen Staaten und Gesellschaften. Polen und Deutsche sollten in Erinnerung an die schlimme Vergangenheit eine bessere gemeinsame europäische Zukunft gestalten. Während seines Exils in Deutschland in den 80er Jahren wurde Władysław Bartoszewski zu einer moralischen Autorität für viele Deutsche. Er selber hat diese sieben Jahre in der Bundesrepublik stets als bedeutende Phase hervorgehoben. In seinen eigenen Worten: „In keinem Land, außer in Polen, habe ich länger gelebt als in Bayern.“

Władysław Bartoszewski hat sich durch das unsägliche Leid, das Deutsche Polen angetan haben, geradezu angespornt gefühlt, Hass und Vorurteile zu überwinden, um den Menschen beiderseits von Oder und Neiße ein Leben in Frieden und Freiheit zu ermöglichen. Er war getrieben von der Überzeugung, dass gerade die Deutschen und Polen – diese, wie er es ausdrückte, „bescheidenen 120 Millionen Leute in Europa“ − für die Gestaltung der Vision der Europäischen Union verantwortlich sind.

Bis in die letzten Stunden seines Lebens hinein hat er sich für die deutsch-polnische Versöhnung eingesetzt. Er schrieb in seiner für die 13. deutsch-polnischen Regierungskonsultationen am 27. April 2015 vorbereiteten Rede, die Ministerpräsidentin Kopacz für den Verstorbenen verlas: „Die deutsch-polnische Interessengemeinschaft erfordert unsere ständige Anstrengung und Achtung, um sie stets aufs Neue zu definieren und zu füllen.“ Dieses Vermächtnis Bartoszewskis ist mir als deutscher Botschafter in Warschau ein ganz besonderes Anliegen.

Władysław Bartoszewski hat oft behauptet: „Es lohnt sich, anständig zu bleiben!“ Er erläuterte dies auf seine Weise: „Es sei ein großer Wert, wenn man sich mit gutem Gewissen beim Rasieren ins Gesicht schauen könnte. Dass ich mich anschauen kann, morgens im Spiegel, ohne zu erschrecken. Und es sei ein großer Wert, dass man davon ausgehen könnte, Kinder und Enkelkinder würden später einmal mit Respekt und Achtung über einen reden.“

Mit der heutigen Benennung eines Saals der deutschen Botschaft in Warschau nach ihm verneigen wir uns vor einem der Architekten der deutsch-polnischen Aussöhnung und einem patriotischen Europäer, der ein Vorbild für viele von uns war.

Wir Deutsche werden ihn nie vergessen.

Warschau, 25. April 2016

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