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Rede von Botschafter Dr. Thomas Bagger zum Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen im 2. Weltkrieg

01.09.2022 - Rede

-Es gilt das gesprochene Wort-

Sehr geehrte Überlebende und Angehörige,
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger der Stadt Wieluń,
Sehr geehrte Damen und Herren,

vor drei Jahren war ich das erste Mal in Ihrer Stadt. Damals, als Bundespräsident Steinmeier hier sprach zum 80 Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen.

Es ist nicht leicht, als Deutscher an diesem Tag und an diesem Ort zu sprechen. Ich möchte Ihnen gleichwohl danken für die Ehre Ihrer Einladung.

Der Terrorangriff der deutschen Luftwaffe auf Wieluń geschah, ohne dass das Dritte Reich Polen den Krieg erklärt hatte. Der Angriff kam in der Nacht und machte drei Viertel Ihrer Stadt dem Erdboden gleich. Die ersten Bomben fielen auf das Allerheiligenkrankenhaus. Es war mit Symbolen des Roten Kreuzes deutlich gekennzeichnet.

Dieser Überfall war der Beginn einer grausamen Besatzung Polens, die fast sechs Jahre dauerte. Es waren Jahre des Terrors und der Vernichtung, die zum Ziel hatten, diese Stadt, dieses Land, seine Menschen und seine Kultur auszulöschen. Jahre, in denen Millionen Menschen ermordet wurden.

Es bleibt, wenn Sie mir dieses persönliche Wort erlauben, für mich bis heute schwer begreiflich, wie die Mehrheit der Deutschen, meiner Vorfahren, diese ungeheuren Verbrechen geschehen lassen konnte, wie so viele selbst zu Mördern und Verbrechern werden konnten.

Für mein Land, Deutschland, gehört zur Erinnerung an diese Verbrechen untrennbar auch die Verpflichtung, alles dafür zu tun, damit sich solches nie wiederholt - Nie wieder! Nigdy więcej!

Dieses Ziel leitet uns, wenn wir heute gemeinsam die Ukraine unterstützen in ihrem Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung gegen den brutalen Überfall Russlands.

Dieses Ziel leitet uns in unserem ehrlichen Bemühen und unserem festen Willen, Polen und dem polnischen Volk heute ein guter Nachbar in einem geeinten Europa zu sein.

Wieluń muss, wie Bundespräsident Steinmeier hier gesagt hat, „in unseren Köpfen und in unseren Herzen sein“. Dieser Ort muss Mahnung bleiben für den Wert des Friedens, für den Wert jedes einzelnen Menschenlebens, für die Achtung von Recht und Freiheit.

Deutschland steht zu seiner historischen Verantwortung und zur Erinnerung an die von Deutschen verübten Verbrechen – ohne Wenn und Aber. Im Bewusstsein dieser Verantwortung verneige ich mich vor den Opfern des Luftangriffs von Wieluń und allen Opfern des deutschen Überfalls auf Polen.

Ich danke Ihnen.

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