Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

Rede im Pilecki-Institut, 2. Oktober 2020

02.10.2020 - Rede

Sehr geehrter Herr Premierminister,

sehr geehrter Herr Minister,

sehr geehrter Herr Staatssekretär,

sehr geehrte Frau Staatssekretärin,

sehr geehrter Herr Direktor,

sehr geehrte Frau Direktorin,

sehr geehrte Frau Krawczyk,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

vor allem aber: liebe Angehörige und Familienmitglieder,


lassen Sie mich sehr persönlich sprechen. Ich entstamme dem Volk der Täter. Deutsche haben zwischen 1939 und 1945 barbarische Verbrechen verübt und Menschen ermordet und verfolgt – wegen ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihrer Überzeugungen, wegen ihrer Hautfarbe oder Lebensweise. Diese Verbrechen überschritten die Grenzen alles Fassbaren. Sie haben nicht nur in Polen, aber hier in besonderem Ausmaß Spuren und Wunden hinterlassen, die wohl nie verheilen werden.

Unsere, deutsche, Verantwortung für die Barbarei des Nationalsozialismus endet niemals. Deutschland bekennt sich zu dieser Verantwortung und wir nennen die Täter beim Namen. Die Erinnerung muss andauern. Das Wissen um das Geschehene muss wach bleiben. Die Aufarbeitung der Verbrechen muss weiter gehen. So können wir dazu beitragen, dass die Opfer in Erinnerung bleiben. Und die Mutigen, die sich gegen die unmenschliche Barbarei stellten.

Ich möchte auch persönlich dazu beitragen, dieses Wissen auch um die polnische Opfer und Retter zu mehren.

Nur auf der Grundlage historischer Wahrheit können vertrauensvolle Beziehungen zwischen Deutschland und Polen wachsen. Das gemeinsame Erinnern bahnt den Weg in eine gemeinsame Zukunft.

Ganz bewusst habe ich in den ersten Tagen meines neuen Amtes einige Gedenkstätten besucht: noch in Berlin das Pilecki-Institut. Mein erster Besuch hier in Warschau galt dem Museum des Warschauer Aufstands. Am vergangenen Freitag habe ich mit meiner Familie die Gedenkstätte im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau besucht, den Ort, der wie kein anderer für das größte Menschheitsverbrechen steht.

Ich möchte, dass meine deutschen Landsleute mehr wissen über das, was während des Krieges und der deutschen Besatzung hier in Polen an Gräueln verübt wurde. Deshalb unterstütze ich den Vorschlag, in Berlin einen Gedenkort für die Opfer des Krieges und der Besatzung in Polen zu schaffen.

Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus wachsen heute wieder in vielen Teilen Europas, auch in Deutschland. Wir müssen wachsam sein und jeden Tag dagegen ankämpfen. Alle führenden Vertreter der Bundesrepublik haben immer wieder deutlich gemacht, dass es keinerlei Freiraum für Hass und Hetze gibt, weder auf der Straße noch im Netz. Dies ist auch eine Priorität unserer EU-Ratspräsidentschaft und unseres Vorsitzes der International Holocaust Remembrance Alliance.

Wir sind es allen Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft schuldig, dass wir ihrer gedenken – ohne Unterschied, zu welchem Volk oder welcher Religion sie gehörten. Dazu gehören auch viele tausende Polen, die Juden geholfen haben oder dies unter Lebensgefahr versucht haben. Viele haben dafür einen fürchterlichen Preis bezahlt. Jeder einzelne von ihnen verdient unseren allergrößten Respekt. Es ist gut und wichtig, dass diese Ausstellung an sie erinnert. Es ist gut, dass an die individuellen Schicksale erinnert und der Mut dieser außergewöhnlichen Menschen gewürdigt wird.

An die Verbrechen zu erinnern, die Täter zu nennen und den Opfern ein würdiges Gedenken zu bewahren – das ist unsere Verantwortung, die nicht endet. Deutschland bekennt sich zu ihr, ohne Schlussstrich und ohne Relativierung.

Vor den Opfern deutscher Verbrechen und ihren Familien verneige ich mich in Demut und tiefempfundener Scham. Vielen Dank, dass Sie mich heute eingeladen haben.

nach oben