Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

Rede zum Volkstrauertag

17.11.2019 - Rede

Sehr geehrte Damen und Herren,

am Volkstrauertag in Deutschland kommen wir wie jedes Jahr in der Kirche der polnischen Streitkräfte zusammen, um der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gemeinsam zu gedenken.

Dass diese Gedenkfeier gerade an diesem historischen Ort stattfinden kann, ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist vielmehr ein Zeichen enger Verbundenheit zwischen Polen und Deutschen. Ich danke den Vertretern der Geistlichkeit und allen, die diese Veranstaltung möglich gemacht haben, herzlich dafür. Wir wissen diese Geste sehr zu schätzen. Besonderer Dank geht an alle Repräsentanten des polnischen Staates und der Gesellschaft, an meine Kolleginnen und Kollegen und die Angehörigen des diplomatischen Corps. Ihre aller Teilnahme ist uns sehr wichtig.

Gemeinsames Gedenken an die Toten und die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft nach der Katastrophe des 2. Weltkriegs ist in unserer heutigen Zeit sehr wichtig. Wir müssen uns an die damaligen Ereignisse erinnern und wir dürfen nicht zulassen, dass die historische Wahrheit verdreht wird. Das gilt für die Opfer der Shoah wie für alle anderen polnischen Opfer.

Bundespräsident Steinmeier und Außenminister Maas haben daher anlässlich Ihrer Besuche zum 80. Jahrestag des Kriegsbeginns bzw. zum 75. Jahrestag des Warschauer Aufstands auf die andauernde politische und moralische Verantwortung Deutschlands für die Verbrechen in Polen hingewiesen.

Die polnische Nation hat sich in ihrer langen Geschichte immer wieder gegen Aggression und Fremdbestimmung wehren müssen. Dafür standen die Helden des Ghettoaufstands wie der polnischen Heimatarmee, deren Mut und Patriotismus ich an dieser Stelle besonders würdigen möchte. Und selbstverständlich steht dafür auch der Freiheitskampf der Solidarität, der für ganz Europa eine neue Epoche eröffnet hat.

Für uns Deutsche stellt sich die Aufgabe, die Erinnerung an die deutschen Verbrechen während des 2. Weltkriegs wach zu halten und an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Je länger dieser Krieg zurückliegt, desto wichtiger wird das Erinnern.

Meine Damen und Herren,

Wir gedenken heute besonders der Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen, der Menschen, die in die deutschen Vernichtungslager in Polen deportiert wurden, der Zwangsarbeiter und der Millionen von Ermordeten.

Wir gedenken heute auch der Millionen Soldaten, die in den anderen Kriegen gefallen sind. Wir trauern um diejenigen, die in den vielen aktuellen Konflikten und Kriegen rund um den Globus ihr Leben ließen. Wir gedenken der unzähligen zivilen Opfer, darunter viele Frauen und Kinder, die unter Krieg, Hunger und Krankheit litten, die schweres Leid erfuhren.

Hier in Warschau gedenken wir in besonderer Weise der polnischen Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft:

  • Wir gedenken all jener, die durch den Angriff Deutschlands auf Polen seit dem 1. September 1939 zu Tode kamen

    -   jener, die durch den alltäglichen Terror der Besatzer ihr Leben verloren

  • aller Opfer, die beim Ghetto-Aufstand 1943 und in den Vernichtungslagern getötet wurden
  • und wir gedenken all jener, die während des Warschauer Aufstandes im Jahre 1944 ihr Leben ließen.

Ja, es waren meine Landsleute, die im Namen Deutschlands und einer verblendeten Ideologie Polen mit Krieg und Verbrechen überzogen. Wer sich diese Grausamkeiten vor Augen hält, der weiß, warum die tiefen Wunden bis heute nicht verheilt sind und weshalb Fragen der Erinnerung im deutsch-polnischen Verhältnis so sensibel sind.

Der große Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Elie Wiesel sagte am 27.01.2000 vor dem Deutschen Bundestag: „Wer sich dazu herablässt, die Erinnerung an die Opfer zu verdunkeln, der tötet sie ein zweites Mal.“

Unsere Pflicht als Deutsche ist es, die Geschehnisse aus der Perspektive der Opfer zu betrachten. Und daraus erwächst unsere Pflicht, Verantwortung für das Geschehene zu übernehmen und daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen. Zu dieser Verantwortung gehört auch die Verpflichtung nie wieder ähnliches zuzulassen. Dies ist Teil der deutschen Staatsräson. Gemeinsam mit unseren europäischen und transatlantischen Partnern wollen wir auch solidarisch mithelfen, die Freiheit und Sicherheit unserer Freunde und Partner zu sichern. Nie wieder darf Polen allein gelassen werden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

was sind die Schlussfolgerungen, die wir aus der Erinnerung an Krieg und Gewaltherrschaft ziehen müssen? Ich sehe drei.

  1. Polen ist Mitglied in EU und NATO. Wir arbeiten gemeinsam daran, Europa vor dem Hintergrund vielfältiger Herausforderungen zu stärken. Das gilt gerade auch vor dem Hintergrund wiederauflebenden Antisemitismus und Xenophobie. Der Krieg mahnt uns alle, Deutsche, Polen, Europäer, alle Staaten, dass Hass und Gewalt nie wieder zum Mittel der Politik in Europa werden dürfen: Nigdy więcej. Never again. Plus jamais. Und wehret den Anfängen. Der brutale Angriff eines Rechtsextremisten auf die Synagoge in Halle war ein besorgniserregendes Fanal. Wir müssen dem wiederaufkeimenden Antisemitismus entschlossen entgegentreten. Alle! Und wir müssen den geistigen Brandstiftern in den sozialen Medien, die Hass säen, das Handwerk legen.
  2. Vor dem Hintergrund unserer Geschichte gibt es keine Alternative zur weiteren Aussöhnung auf der Grundlage der historischen Wahrheit. Junge Deutsche und Polen begegnen sich heute so oft und so freundschaftlich wie nie zuvor. Das Deutsch-Polnische Jugendwerk hat 3 Millionen deutsche und polnische Jugendliche zusammengebracht. Wir müssen die Aussöhnung zwischen den Völkern fortsetzen. In vielen Gegenden der Welt werden wir dafür beneidet, was wir im deutsch-polnischen Verhältnis geschafft haben.
  3. Die Antwort auf Krieg und Zerstörung ist das gemeinsame Europa. Die EU, die zunächst auf der Grundlage der deutsch-französischen Freundschaft gebaut wurde, ist ein einzigartiges Friedensprojekt, das wir uns von niemandem kaputt machen lassen dürfen. Sie steht für unsere gemeinsamen freiheitlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Werte. Sie wird oft gescholten und ist doch unersetzbar. Vor dem Hintergrund der vielfältigen Herausforderungen, denen wir uns gegenübersehen, liegt der Weg voran in einer stärkeren europäischen Einheit und einer stärkeren europäischen Handlungsfähigkeit. Wir dürfen uns nicht auseinander dividieren lassen. Wir teilen so viel mehr als das, was uns trennt.

Ihnen allen wünsche ich nunmehr einen Tag der Einkehr und Besinnung. Lassen Sie uns mit Zuversicht in die Zukunft blicken. In eine Zukunft, die uns Polen und Deutschen noch stärkere Aussöhnung bringt, und uns Europäern größere Einheit. Lassen Sie uns aus der Entschlossenheit der Helden der friedlichen Revolution von 1989 in Polen und Deutschland Mut für eine friedliche Zukunft schöpfen.

Wie Jesus Christus uns aufgegeben hat: Fürchten wir uns nicht.

Möge Gott Sie alle schützen.

nach oben