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Grußwort des Botschafters anlässlich des Tags der Deutschen Einheit

Botschafter Rolf Nikel

Botschafter Rolf Nikel, © Botschaft Warschau

03.10.2019 - Rede

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

Ladies and Gentlemen,

Ein herzliches Willkommen zum Tag der Deutschen Einheit 2019. Willkommen, Witamy, Welcome i Bienvenue à l‘Ambassade.

Ich freue mich Sie in der deutschen Botschaft zu begrüßen, durch deren Tore  vor fast genau 30 Jahren ca. 6000 Deutsche in die Freiheit fliehen konnten.

Sie flohen „Über Warschau in die Freiheit“. So lautet auch der Titel einer kleinen Ausstellung im Raum nebenan, die sie vielleicht bei der Ankunft bemerkt haben.

Der Herbst 1989 war eine Sternstunde der Freiheit und der deutsch-polnischen Beziehungen. Hier in Warschau standen zahlreiche Polen den Zufluchtssuchenden zur Seite. Die Nachbarn der überfüllten Botschaft, die Kirchen, das Rote Kreuz und viele andere versorgten die Menschen. Die neue Regierung half mit, die berühmten Züge der Freiheit auf den Weg zu bringen. Wie sich zeigte, sollte es einer der letzten Sargnägel des maroden SED Regimes gewesen sein. Wenig später fiel die Berliner Mauer und damit das sichtbarste Zeichen der widernatürlichen Teilung Deutschlands und Europas. Die unbändige Freiheitliebe der Polinnen und Polen wie auch die ungarische Entscheidung zur Grenzöffnung rissen die ersten Steine aus der Mauer.  

Polens Freiheitsdrang war Ansporn und Inspiration für die Bürgerbewegung in der damaligen DDR. Er half entscheidend mit, dass wir Deutschen unsere Einheit in Freiheit und in vollem Einverständnis mit unseren Nachbarn vollziehen konnten. Danke Für Euren Mut und Eure Entschlossenheit, danke für Eure Solidarität. Danke, dass Ihr das Tor zur Freiheit mit aufgestoßen habt. Danke Polen.

Verehrte Gäste,

2019 gedenken wir nicht nur der positiven Veränderungen, die vor 30 Jahren die Welt veränderten. Wir gedenken auch des Kriegsausbruchs vor 80 Jahren. Ein Krieg, für den wir Deutsche die volle Verantwortung  tragen. Polen, war Opfer dieses grausamen Vernichtungskriegs. Die Nationalsozialisten, Deutsche, verübten in deutschem Namen Terror, Zerstörung, Demütigung, Verfolgung, Folter und millionenfachen Mord an polnischen Bürgern, an polnischen und europäischen Juden. An dieser historischen Wahrheit gibt es nichts zu deuteln. Wir werden sie niemals vergessen.

Aus Anlass des Jahrestags des Kriegsbeginns besuchte Bundespräsident Steinmeier am 1. September Wieluń und Warschau. Er verneigte sich dort vor den Opfern der deutschen Gewaltherrschaft und bat um Vergebung.  

Der freundliche Empfang durch die Bevölkerung dieser Stadt war bewegend, gerade auch deswegen, weil dort deutsche Truppen das erste Kriegsverbrechen des 2. WK  verübten. Wie der Bürgermeister der Stadt sagte, wird Wielun vielleicht einmal  in einer Reihe mit dem Brief der polnischen Bischöfe, dem Kniefall Willy Brandts und der Versöhnungsmesse mit Tadeusz Mazowiecki und Helmut Kohl in Kreisau stehen. Ein Meilenstein der Versöhnung!

Wir sind dankbar, dass so viele Polen uns nach all dem, was geschehen ist, die Hand zur Versöhnung gereicht haben. Über die Jahre ist dadurch ein enges Geflecht der Zusammenarbeit entstanden, das Wunder der Aussöhnung, für das uns viele in der Welt beneiden. Und wieder sage ich: Danke, Polen für den Geist der Versöhnung, den Ihr uns geschenkt habt.

Wie eng unsere beiden Länder mittlerweile verwoben sind, davon zeugen Sie, verehrte Gäste. Es sind neben dem steten Austausch auf politischer Ebene auch die wirtschaftlichen Beziehungen und die Zivilgesellschaften, die uns verbinden: Der Jugendaustausch, die Universitäten, Städtepartnerschaften. Große und kleine Unternehmen investieren links und rechts der Oder. Polen ist dieses Jahr zum sechst größten Handelspartner für Deutschland geworden – weit vor z.B. Russland und nun auch vor GBR. Für all Ihre Beiträge – auch zum Gelingen des heutigen Abends – danke ich Ihnen!

Liebe Gäste,

Der Weg in die Freiheit, der Weg zur Versöhnung und der Weg zur Einheit Europas führten über Polen: Vor 20 Jahren trat Ihr Land der NATO bei, vor 15 Jahren der EU. Die Mitgliedschaft Polens in beiden Organisationen, die wir Deutsche von Anfang an, sind großartige Erfolgsgeschichten.

Weil Polen zurückkehrte an seinen angestammten Platz im Herzen der europäischen Demokratien.

Weil Polen zur politischen Stabilität in der EU beiträgt.

Weil Polens Wirtschaft seit der Wende einen beeindruckenden Wachstumspfad eingeschlagen hat

Und weil Polen im Rahmen der NATO die Sicherheit in Europa erhöht.

Deutschland steht fest an der Seite Polens. Unser Dialog auf allen Ebenen ist stark und regelmäßig. Wir wissen, dass wir einander vertrauen können.

Deutschland ist ein verlässlicher Partner. Wir helfen mit eigenen Truppen bilateral und im Rahmen der NATO sehr konkret mit, die östliche Flanke zu stärken. Polens Sicherheit ist auch unsere Sicherheit.

Im Rahmen der EU stehen wir auf einem gemeinsamen Wertefundament. Wir suchen nach tragfähigen Kompromissen in schwierigen Fragen, die die Menschen in ihrem täglichen Leben sehr konkret betreffen. Wir wollen faire Lösungen, von denen alle profitieren können.

Und wir beteiligen uns an der Dreimeeresinitiative zur Stärkung der Infrastruktur im östlichen Teil der EU. Hier wollen wir vor allem sicherstellen, dass die Kohäsion der EU als ganze gestärkt wird.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Deutschland, Polen und Europa stehen heute vor neuen großen weltpolitischen Herausforderungen. Die Konkurrenz der Großmächte ist auf die internationale Agenda zurückgekehrt. In der UKR wird weiter gekämpft. Im Persischen Golf droht ein neuer Krieg, während SYR und Afghanistan brennen. 

Der Klimawandel gefährdet unsere Lebensgrundlagen. Abrüstung und Rüstungskontrolle liegen darnieder. Das Völkerrecht und der Multilateralismus drohen unter die Räder zu geraten. Die Menschen sehen Globalisierung und Digitalisierung vielfach als Gefahr für Ihre Existenz.

Vor diesem Hintergrund müssen DEU, POL und die EU die richtigen Schlüsse aus der  Geschichte ziehen. Wenn wir den Frieden auf unserem Kontinent sichern wollen, dann müssen wir zunächst unser eigenes Haus, will sagen die EU, in Ordnung bringen. Nur eine nach innen starke, solidarische Union, kann auch kraftvoll nach außen wirken.

Die EU ist das wirksamste Friedensprojekt der Geschichte. Sie ist auf den Grundlagen unser gemeinsamen freiheitlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Werte gebaut. Und sie ist der erfolgreichste Wohlstandsverstärker, den wir kennen.

Keines der EU Mitgliedsländer hat allein ausreichend Gewicht in der Welt. Kein Mitgliedsstaat allein, kann den globalen Herausforderungen etwas Ausreichendes entgegensetzen. Gemeinsam sind wir stärker. Es geht nicht um Germany first oder Poland first, sondern um Europe United.

Frieden und Sicherheit auf unserem Kontinent hängen heute genauso von einer festen transatlantischen Bindung ab wie von einer effektiven Zusammenarbeit innerhalb der EU. Wir dürfen das eine nicht gegen das andere ausspielen.

Ja wir brauchen eine klare Politik der Abschreckung und der Stärkung der Resilienz, wie sie die NATO auf ihren Gipfeln in Wales und Warschau festgelegt hat. Und ja wir brauchen  auch eine Politik des Dialogs. Dialog ist kein Zugeständnis oder eine Freundlichkeit, sondern eine Notwendigkeit in Zeiten geostrategischer Ungewissheiten. DEU und Polen sind sich dieser Problematik als Mitglieder des VN Sicherheitsrates wohl bewusst. Unsere Zusammenarbeit in diesem Gremium ist bespielhaft.

Die Vereinten Nationen gründen auf der Idee des Multilateralismus. Außenminister Maas sagte in der vergangenen Woche vor der VN Generalversammlung: „Nachhaltige Außenpolitik ist multilaterale Außenpolitik“. Sie sollte auch Grundlage unserer gemeinsamen europäischen Außenpolitik sein.

Meine Damen und Herren,

das Jahr 2019 hat uns an Großartiges und Schreckliches in unserer gemeinsamen Geschichte erinnert. Heute können wir mit großem Selbstbewusstsein feststellen: das Gemeinsame in unseren Beziehungen ist so viel stärker als das Trennende.

Vor 40 Jahren rief der heilige Papst Johannes Paul II der Menge auf dem Pilsudski Platz zu: „Sende aus den Geist und erneuere das Angesicht der Erde, dieser Erde“.

Ja wir möchten alles dafür tun, diese Erneuerung zu bewahren. Und ja wir wollen sie auf dem Boden unserer gemeinsamen Werte fortführen, Nation und europäische Souveränität stehen nicht im Widerspruch zueinander.

Über Polen in die Freiheit, zur Versöhnung und zur Einheit. Gemeinsam mit Polen und der EU für die  Erneuerung der europäischen Idee!

Es lebe die Freiheit!  Es lebe Polen, es lebe Deutschland. Es lebe die deutsch-polnische Freundschaft im gemeinsamen Europa.

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