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Verleihung der Abiturzeugnisse an Abiturientinnen und Abiturienten der Willy Brandt-Begegnungsschule

19.06.2019 - Rede

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

ich freue mich, heute mit Ihnen die Verleihung der Abiturzeugnisse zu feiern.

Der Schulleitung, den Lehrerinnen und Lehrern der Willy Brandt-Schule, dem Vorstand des Deutschen Schulvereins sowie den Organisatoren des heutigen Abends danke ich herzlich für die Einladung.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

dies ist Ihr großer Tag. Sie haben ihn sich redlich verdient. Endlich feiern!

Sie haben in den vergangenen Jahren intensiv gearbeitet und sich hervorragend auf Ihre Prüfungen vorbereitet. Das Unterrichtspensum war herausfordernd – qualitativ und quantitativ. Alle haben grandios bestanden. Darauf dürfen Sie zu Recht stolz sein.

Viele von Ihnen haben Ihre Fähigkeiten und Talente auch außerhalb des Schulcurriculums entwickeln können. Musik, Soziales und Sport spielen an der Willy Brandt Schule eine wichtige Rolle. Und das ist gut so.

In wenigen Minuten werden Sie also Ihr begehrtes Abiturzeugnis in Händen halten. Ich gratuliere herzlich dazu.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

es nervt viele, dass die Älteren den Abiturienten bei der Abiturfeier gern einige Lebensweisheiten mit auf den Weg geben wollen. Vielleicht sehen Sie es mir nach, dass auch ich mich an diesem vielleicht nicht völlig überflüssigen Brauch beteilige. Auch wenn meine eigen Abiturfeier schon einige Zeit zurückliegt.

Vier Dinge liegen mir am Herzen:

1. Die Ausbildung an der Willy Brandt-Schule ist anders als anderswo. Als deutsch-polnische Begegnungsschule fördert sie das Zusammenleben junger Menschen unterschiedlicher Nationalitäten mit einzigartigen Lebensläufen. Den in unserer Zeit so wichtigen gegenseitigen Respekt voreinander haben Sie täglich im friedvollen Miteinander praktiziert.

Für Sie ist Normalität, was Ihre Altersgenossen an anderen Schulen oft nicht kennen: das Leben mit verschiedenen Kulturen und Sprachen.

Sie kennen verschiedene Welten und verstehen die Unterschiede. Tragen Sie diese Weltoffenheit hinaus in ihr Beufsleben. Helfen Sie mit Mauern der Ignoranz und Engstirnigkeit in den Köpfen so mancher Zeitgenossen einzureißen. Wenn es die junge Generation nicht tut, dann weiß ich nicht, wer es sonst tun sollte.

2. Die WBS hat Sie- so hoffe ich jedenfalls - zu Verbundenheit mit Deutschland und Polen erzogen. Sie sind mit beiden Kulturen, mit beiden Traditionen groß geworden.

Die deutsch-polnischen Beziehungen waren nicht immer so gut wie heute, 30 Jahre nach der Wende in Europa. Unsere gemeinsame Geschichte hat viele tragische Momente. Insbsondere der deutsche Angriffskrieg auf Polen im September 1939 war der absolute Tiefpunkt.

Dass wir heute, 80 Jahre später im gemeinsamen Europa freundschaftlich zusammenleben, grenzt an ein Wunder. Das Wunder der Versöhnung, an dem sehr viele Menschen auf allen Ebenen mitgewirkt haben.

Ich möchte Sie daher heute dazu aufrufen, die deutsch polnische Versöhnung weiter konkret zu leben. Nichts ist für immer gegeben. Die Geschichte verläuft nicht immer gradlinig. Wir müssen den Schatz der Versöhnung hegen und pflegen, nicht nur für Ihre Generation, sondern für viele andere nach Ihnen.

Also: Werden Sie mein Kollege, vielleicht nicht unbedingt ganz wörtlich. Bleiben Sie auf jeden Fall im besten Sinne Botschafter der deutsch-polnischen Freundschaft!

3. Wir leben in einer Welt zunehmender Ungewissheiten. Wohin wir um uns herum schauen, Herausforderungen noch und nöcher. Globalisierung und Digitalisierung bringen neben neuer wirtschaftlicher Dynamik und ungekannten Kommunikationsmöglichkeiten auch Ängste und Unsicherheiten hervor. Unser politisches Koordinatensystem gerät unter dem Einfluss von Aggression, Migration und Klimawandel immer mehr ins Wanken. Es ist nicht leicht für den Einzelnen, den Überblick zu behalten.

Ich möchte Sie daher heute ermutigen, sich nicht irre machen zu lassen. Glauben Sie nicht den modernen Gauklern, die scheinbar einfache Antworten auf hochkomplexe Sachverhalte anbieten. Widerstehen Sie den allgegenwärtigen Populisten und Nationalisten, die Europa im 20. Jahrhundert gleich zweimal ins Unglück gestürzt haben. Helfen Sie mit, das freie, friedliche, demokratische und prosperierende Europa weiter aufzubauen.

Engagieren Sie sich für Freiheit und Demokratie. Die EU und die Werte, für die sie steht, sind es wert, gegen ihre Gegner von innen und außen verteidigt zu werden. Wir haben nichts Besseres.

4. Und noch ein letzter Gedanke, wenn Sie gestatten:

Jede Generation steht vor ihren eigenen besonderen Herausforderungen.

Die meiner Generation war es, den Wiederaufstieg des vereinten Deutschlands nach der Katastrophe des 2. Weltkriegs zu einem respektierten Staat, fest eingebunden in EU und NATO, zu gestalten. Das ist ohne allzu großes Eigenlob leidlich gelungen.

Ihre Generation muss heute neue Antworten auf nicht minder existentielle Herausforderungen geben – allen voran den Klimawandel. Auch hier sind die moderen Cassandras buchstäblich auf der Straße.

Den Weg voran müssen Sie selbst finden. Er kann aus meiner Sicht nur über enge internationale Zusammenarbeit führen. Letzten Endes entscheidet sich der Erfolg im Kampf gegen den Klimawandel nicht in  Deutschland oder Polen, ja nicht einmal in Europa.

Ja, Europa kann und sollte vorangehen. Aber letztlich werden China, Indien und Afrika darüber entscheiden, ob der Sprung in die karbonfreie Wirtschaft gelingt. Und die werden dem europäischen Beispiel nur dann folgen, wenn wir demonstrieren können, dass Klimawandel mit wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und angemessener sozialer Absicherung einher geht.

So what? werden Sie fragen. Sollen Sie die Hände in den Schoß legen?

Keineswegs! Engagieren Sie sich. Kämpfen Sie gegen die Vernichtung der Lebensgrundlagen. Seien Sie sich aber immer bewusst, dass Chaosrhetorik noch nie etwas wirklich vorangebracht hat. Nutzen Sie Ihren kritischen Verstand, diskutieren Sie respektvoll mit dem Nächsten und kommen Sie zu vernünftigen Lösungen.

Und ein allerletzter Appell: Fürchten Sie sich nicht.

Angesichts der vielen Herausforderungen vor denen wir heute stehen, ist die Versuchung groß, den Kopf in den Sand zu stecken. Gehen Sie den einzig richtigen Weg: den Ihren. Tun Sie das, was Ihnen lieb ist.

Wenn ich jetzt etwas lang geworden bin, so bitte ich um Verzeihung.
Ich gratuliere Ihnen noch einmal herzlich und wünsche Ihnen für Ihren weiteren Lebensweg alles Gute!

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