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Rede zum Volkstrauertag

18.11.2018 - Rede

Sehr geehrte Damen und Herren,

auch in diesem Jahr kommen wir am Volkstrauertag in der Kirche der polnischen Streitkräfte zum Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zusammen. Dass diese Gedenkfeier hier in dieser Kirche stattfinden kann, ist ein Zeichen der engen Verbundenheit zwischen Polen und Deutschen. Ich danke allen Verantwortlichen herzlich dafür. Wir wissen diese Geste unserer polnischen Freunde sehr zu schätzen. Sie bezeugt das feste Fundament der engen Verbundenheit, Vertrautheit und Versöhnung der Menschen beiderseits der Oder. Danken möchte ich auch allen Repräsentanten des polnischen Staates und der Gesellschaft sowie meinen Kolleginnen und Kollegen und den Angehörigen des diplomatischen Corps. Ihre aller Teilnahme ist uns sehr wichtig.

Unser gemeinsames Totengedenken hier an dieser Stelle ist angesichts der schwierigen Geschichte der letzten Jahrhunderte keineswegs selbstverständlich. Polen feiert dieses Jahr den 100. Jahrestag der Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit. Es ist sehr beeindruckend, wie die polnische Nation während der Teilungen und auch danach zusammen gestanden hat. Immer wieder hat sich Polen gegen Aggression und Fremdbestimmung wehren müssen. Für diesen Kampf stand 1918 Marschall Piłsudski. Dafür stand auch die polnische Heimatarmee, deren Heldenmut und Patriotismus ich an dieser Stelle besonders gedenken möchte. Und selbstverständlich steht dafür auch der Freiheitskampf der Solidarität, der für Europa eine neue Epoche eröffnet hat, in der auch wir Deutsche unsere Einheit mit voller Zustimmung unserer Nachbarn und Partner verwirklichen konnten

Meine Damen und Herren,

in Deutschland gedenken wir heute der Millionen Soldaten aller Nationen, die in den vergangenen Kriegen gefallen sind. Wir trauern auch um diejenigen, die in den aktuellen Konflikten oder in Auslandseinsätzen ihr Leben ließen.

Wir gedenken der unzähligen zivilen Opfer, insbesondere der Frauen und Kinder, die unter Krieg, Hunger und Krankheit gelitten haben, die schweres Leid erfuhren.

Wir gedenken auch der Opfer von Gewaltherrschaft, Vertreibung und von Flucht.

Und wir gedenken heute der Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen, der Menschen, die in die deutschen Vernichtungslager in Polen deportiert wurden, der Zwangsarbeiter und der Millionen von Ermordeten.

Hier in Warschau gedenken wir in besonderer Weise auch der polnischen Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft:

  • Wir gedenken all jener, die durch den Angriff Deutschlands auf Polen seit dem 1. September 1939 zu Tode kamen,
  • Wir gedenken all jener, die durch den alltäglichen Terror der Besatzer ihr Leben verloren,
  • Wir gedenken aller Opfer, die beim Ghetto-Aufstand 1943 und in den Vernichtungslagern getötet wurden,
  • Wir gedenken sowie all jener, die während des Warschauer Aufstandes im Jahre 1944 ihr Leben ließen.

In Deutschland wird an diese Verbrechen immer noch zu wenig erinnert.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Welche Konsequenzen ziehen wir aus der Geschichte? Ich sehe vor allem vier Lehren:

  1. Heute ehren wir die Toten. Sie mahnen uns, dass sich die Geschichte niemals wiederholen darf. Vor 100 Jahren versank unser Kontinent in einem Weltkonflikt, in dem 18 Mio. Menschen, Soldaten und Zivilisten, ihr Leben ließen. Der 2. Weltkrieg hat Schätzungen zufolge sogar mehr als 60 Mio. Menschen das Leben gekostet. Zukünftige Generationen dürfen nie vergessen, was Krieg und Gewaltherrschaft anrichten können. Gesten wie die des französischen Präsidenten mit der Bundeskanzlerin im Eisenbahnwagon von Compiègne bestärken uns in unserer  Haltung: Nigdy więcej. Never again. Plus jamais. 
  2. Der Frieden ist nicht selbstverständlich. Er muss immer wieder erkämpft werden. Gerade der 1. Weltkrieg zeigt, wie schlafwandlerisch die damaligen Imperien in den Krieg zogen. Niemand wollte ihn, aber alle hielten ihn für möglich und am Ende für unausweichlich. Der damals überall um sich greifende Nationalismus bestimmte das Denken der Elite. Im Ergebnis hat er alle Nationen unseres Kontinents ins Unglück gestürzt.
    Heute, da die Gespenster der Vergangenheit wieder ihr Haupt erheben ist persönliches Engagement für den Frieden erste Bürgerpflicht Deswegen bitte ich Sie heute, stehen Sie überall auf der Welt für die Menschenrechte ein, zeigen Sie Toleranz und helfen Sie mit, einen fairen Ausgleich zwischen unterschiedlichen Interessen zu finden.
  3. Die Toten der Weltkriege mahnen uns schließlich, die europäischen Herausforderungen gemeinsam anzugehen. Das gemeinsame Europa entstand als Reaktion auf die Erfahrungen der Weltkriege. Die europäische Integration ist ein Friedensprojekt. Die Aufgabe der EU war und ist es, Kriege in Europa unmöglich zu machen. Was uns heute herausfordert, können wir in den allermeisten Fällen nur noch gemeinsam machen. Nationalismen und Egoismen dürfen nie wieder eine Chance haben.
  4. Die deutsch-polnische Aussöhnung ist ein wichtiger Teil eines solchen starken Europas. Unsere Beziehungen basieren auf dem starken Fundament des Nachbarschaftsvertrags von 1991. Als Teil der weiteren Versöhnung sollte eine gemeinsame Erinnerungskultur zu einem besseren Verständnis der Vergangenheit führen. Wenn wir die Zukunft meistern wollen, müssen wir die deutsch-polnische Aussöhnung weiter hegen und pflegen – in unserem eigenen Interesse, aber auch im Interesse Europas. In meinen Gesprächen begegne ich gelegentlich einer gewissen Geringschätzung dessen, was im deutsch-polnischen Verhältnis in den letzten Jahren erreicht wurde. Diejenigen, die sie als Katastrophe bezeichnen, irren sich. Im Gegenteil werden wir weltweit für das beneidet, was aus den Trümmern von Krieg und Gewaltherrschaft entstanden ist. Wenn wir uns gemeinsam den aktuellen Herausforderungen stellen, dann, so bin ich überzeugt, wird dieses Erbe auch kommende Generationen noch inspirieren.

Ihnen allen wünsche ich einen Tag der Einkehr und Besinnung.

Möge Gott Sie alle schützen.

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