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Gedanken zum Volkstrauertag am 15. November 2020

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Kranzniederlegung Volkstrauertag 2020
Kranzniederlegung Volkstrauertag 2020© Ambasada Niemiec / Deutsche Botschaft Warschau

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir denken heute, am Volkstrauertag, an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Traditionell begehen wir diesen Tag gemeinsam mit vielen von Ihnen, Zeitzeugen, Vertretern der Geistlichkeit, Repräsentanten des polnischen Staates und der Gesellschaft sowie Vertretern des diplomatischen Corps. Dieses Jahr steht der Volkstrauertag ganz im Zeichen der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen. Dies hat dazu geführt, dass ich heute einen Kranz als Zeichen der Ehrung und Erinnerung der Opfer am Grabmal des Unbekannten Soldaten niedergelegt habe und Ihnen meine Gedanken zu diesem Tag auf diesem Wege zukommen lasse.

Unser Totengedenken in Polen ist angesichts der schwierigen Geschichte der letzten Jahrhunderte sehr wichtig. Wir müssen uns an die damaligen Ereignisse erinnern und wir dürfen nicht zulassen, dass historische Wahrheiten in Frage gestellt werden. Lassen Sie mich Ihnen versichern, dass Deutschland zu seiner politischen und moralischen Verantwortung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs steht. Es ist für uns eine vorrangige Aufgabe, die Erinnerung an unsere nachfolgenden Generationen weiterzugeben.

Die polnische Nation hat sich in ihrer langen Geschichte immer wieder gegen Aggression und Fremdbestimmung wehren müssen. Dafür standen die Helden des Warschauer Aufstands und des Ghettoaufstands,  deren Mut ich an dieser Stelle besonders würdigen möchte. Dieses Jahr jährte sich die Schlacht, die als Wunder an der Weichsel bezeichnet wird, zum 100. Mal. Sie war nicht nur ein Meilenstein der Unabhängigkeit Polens sondern hatte Bedeutung für ganz Europa. Dies gilt auch für den Freiheitskampf der Solidarität, der für ganz Europa eine neue Epoche eröffnete.

Wir gedenken heute besonders der Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen, der Menschen, die in die deutschen Vernichtungslager in Polen deportiert wurden, der Millionen von Ermordeten und der Zwangsarbeiter.

Wir gedenken heute der Millionen Soldaten, die in den Weltkriegen gefallen sind. Wir trauern um diejenigen, die in Konflikten und Kriegen rund um den Globus ihr Leben ließen. Wir gedenken der unzähligen zivilen Opfer, darunter viele Frauen und Kinder, die unter Krieg, Hunger und Krankheit litten, die schweres Leid erfuhren.

Hier in Warschau gedenken wir in besonderer Weise der polnischen Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, insbesondere den Opfern des deutschen Angriffs auf Polen seit dem 1. September 1939.

Wir gedenken denjenigen, die in Polen während der Besatzungszeit ihr Leben ließen, der Opfer des Ghetto-Aufstands 1943 und den unzähligen Toten in den Vernichtungslagern.

Wir gedenken denen, die während des Warschauer Aufstandes im Jahre 1944 ihr Leben ließen.

Es waren meine Landsleute, die Polen im Namen Deutschlands und einer verblendeten Rassenideologie mit Krieg und Verbrechen überzogen. Wer sich diese Grausamkeiten vor Augen hält, der weiß, warum die tiefen Wunden, auch wenn das Ende des Zweiten Weltkriegs inzwischen 75 Jahre zurück liegt, bis heute nicht verheilt sind und weshalb Fragen der Erinnerung im deutsch-polnischen Verhältnis so sensibel sind.

Unsere Pflicht als Deutsche ist es, die Geschehnisse aus der Perspektive der Opfer zu betrachten. Und daraus erwächst unsere Pflicht, Verantwortung für das Geschehene zu übernehmen und daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen. Eine Zukunft, die wir nur gemeinsam gestalten können, eine Zukunft, die uns in und mit Europa enger zusammenschweißen muss. Zu dieser Verantwortung gehört auch die Verpflichtung nie wieder Ähnliches zuzulassen. Dies ist Teil der deutschen Staatsräson. Gemeinsam mit unseren europäischen und transatlantischen Partnern wollen wir daher vor allem auch solidarisch mithelfen, die Freiheit und Sicherheit unserer Freunde und Partner zu gewährleisten. Nie wieder darf Polen allein gelassen werden.

Aus der Erinnerung an Krieg und Gewaltherrschaft ziehe ich zwei entscheidende Schlussfolgerungen.

  1. Wir wollen unsere Zukunft gemeinsam und friedlich gestalten. Polen und Deutschland sind Mitglieder in EU und NATO. Wir stehen für gemeinsame Werte. Wir arbeiten gemeinsam daran, Europa vor dem Hintergrund vielfältiger Herausforderungen zu stärken. Wiederaufkeimendem radikalem Gedankengut, Antisemitismus, Xenophobie, geistigen Brandstiftern in den sozialen Medien, die Hass säen, sollten wir gemeinsam entgegentreten, damit sich Vergangenes nicht wiederholt. Die EU steht für unsere gemeinsamen freiheitlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Werte. Wir dürfen uns nicht auseinander dividieren lassen. Wir teilen so viel mehr als das, was uns trennt.
  2. Vor dem Hintergrund unserer Geschichte ist eine weitere Aussöhnung auf der Grundlage der historischen Wahrheit außerordentlich wichtig. Junge Deutsche und Polen begegnen sich heute so oft und so freundschaftlich wie nie zuvor.  In vielen Gegenden der Welt werden wir dafür beneidet, was wir im deutsch-polnischen Verhältnis geschafft haben.

Ihnen allen wünsche ich einen Tag der Einkehr und Besinnung. Lassen Sie uns trotz oder vielleicht gerade in Anbetracht unserer gemeinsamen, schwierigen Geschichte mit Zuversicht in die Zukunft blicken in der festen Absicht, den Herausforderungen der Zukunft und dazu zählt auch aber nicht nur die Corona Krise gemeinsam entgegenzutreten. Ich hoffe sehr, dass wir uns im nächsten Jahr wieder häufiger begegnen können.


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